Frühjahrsputz für Fortgeschrittene

Nix für Dünnbrettbohrer: Um die Soulkitchen-Halle vor dem Bagger zu bewahren, muss einiges umgebaut werden. Bis zur Wiedereröffnung am 22. März soll die Halle wieder partytauglich sein.

Flammen lodern aus einem alten Ölfass vor der Soulkitchen-Halle und schlucken die herabtaumelnden Schneeflocken. Im Rauch steht Matthias Krause und fegt den Dreck zusammen, Schneematsch, Asche, Holzsplitter. Die Arbeit nimmt kein Ende, immer wieder schleppen die Leute Material aus der Halle. Aus der offenen Schiebetür schallen Hammerschläge und Kettensägengeheul, Bohrmaschinen rattern, zwischendurch Folkrock.

Rund 15 Leute packen am Sonntag in der Soulkitchen-Halle mit an, um neue Tatsachen zu schaffen. Der Kulturbetrieb in der Halle soll weiterlaufen, es sind nur noch wenige Tage bis zur Wiedereröffnungsparty am 22. März. „Die Tickets für die Djs sind schon bezahlt“, sagt Mathias Lintl und grinst. Als Betreiber einer Halle, die ständig von Schließung und Abriss bedroht wird, kann er nicht auf jedes Okay vom Amt warten. Einfach machen – das ist für das Kollektiv in der Soulkitchen-Halle inzwischen Überlebensmotto. „Alles, was nicht genehmigt, aber gemacht werden muss, passiert jetzt“, sagt Mathias Lintl. Konkret heißt das: Notausgänge bauen, neue Elektrik verlegen und alles rauswerfen, was brennen kann und nicht dringend gebraucht wird. Die Zeit läuft.

Vor den Fenstern zur Industriestraße stemmen Helfer sich gegen ihre Akkuschrauber und verrammeln die Fenster mit brandsicheren Rigipsplatten. Hinten in der Halle muss ganz schnell ein Baustrahler vom Strom – „der wird sonst zu heiß!“ Ein Vierergrüppchen in Winterjacken und Mützen sucht Arbeit. „Die ganzen Kabelreste müssen runter“, sagt Mathias Lintl und deutet auf die Holzdecke. Lose Stränge baumeln von den Stahlträgern, dazwischen ein Mobile aus Fahrradreifen und anderes Dekomaterial längst verklungener Partys. Im Licht der Scheinwerfer und Diskokugeln frisst sich die Kettensäge durch einen Holzbalken, aufgebockt auf Getränkekisten.

Ob einer Profi ist oder nicht, spielt keine Rolle. Tatkraft, Werkzeug und ein bisschen Geschick ist alles, was die Helfer brauchen. Martin Bartel, der in Harburg Maschinenbau studiert, pflückt mit einem Plastikrohr Stoffreste von der Decke. Im vergangenen Jahr war er zur 20er-Jahre-Party hier. „Das war ein super entspannter Abend.“ Alexander Reichert hat schon oft mitgearbeitet, als Kontrabassist der Band „20 vor 8“ auf der Bühne oder hinter dem Tresen. Er ist das ganze Wochenende dabei, entsorgt Müll, sichert die Fenster. „Reiner Eigennutz“, sagt Moritz, der nur seinen Vornamen nennt. Mit den „Kindern von der Essotanke“ hat er 2012 den Tanz der Tiere hier veranstaltet, das hat er dieses Jahr wieder vor. Claudius Lieven, Mitarbeiter bei der Stadtentwicklungsbehörde und Kreisvorsitzender der Grünen, macht auch bei der Aufräumaktion mit – privat, wie er sagt. „Wir feiern alle gern“, sagt Mathias Lintl. „Das vereint uns.“

 Jederzeit könnte die Sprinkenhof AG, die für die Stadt Hamburg Gewerbeflächen verwaltet, den Bagger anrollen lassen. Rechtlich wäre dagegen nichts zu machen. Weil das Kollektiv in der Halle Mietschulden angehäuft hat, hat die Sprinkenhof AG vor Gericht eine Räumungsklage durchgesetzt. „Es wäre politisch bescheuert, uns jetzt rauszuwerfen“, sagt Mathias Lintl. Dafür habe die Halle viel zu viel Zuspruch – nicht nur von Künstlern und Studenten, sondern auch in der Bürgerschaft, im Bezirksamt und im Ortsbeirat. 17000 Euro hat die Sprinkenhof AG laut Mathias Lintl im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahre schon von der Soulkitchen-Halle bekommen. Trotzdem soll das Gebäude 2014 verschwinden. „Wir finanzieren hier den Abriss“, sagt Mathias Lintl.

Doch bis der Bagger rollt, ist noch Zeit, das Blatt zu wenden. Das Kollektiv hat Ende Februar einen Nutzungsänderungsantrag gestellt, um den Kulturbetrieb weiter zu führen. Bis er genehmigt ist, können Monate verstreichen – deshalb packten sie einen Sondernutzungsantrag gleich dazu. Nun müssen Auflagen erfüllt werden. „Deswegen sind wir jetzt hier am rödeln“, sagt Mathias Lintl.

Spätestens am 22. März muss alles wieder in partytauglichem Zustand sein – dann wollen viele Leute mit der Plattenfirma Amplitude Records hier feiern. Dass die Wiedereröffnung genau ins Eröffnungswochenende der internationalen Bauausstellung (IBA) fällt, sei Zufall, sagt Mathias Lintl. Den Termin habe sich Amplitude Records ausgesucht. Mit der Bauaustellung hat er grundsätzlich auch kein Problem. „Wir sind im Großen und Ganzen IBA-Befürworter“, sagt er. Geld bekomme das Kollektiv von der IBA zwar nicht, dafür aber freie Hand. „Es gab nie Sachen, wo die IBA uns reingeredet hat“, sagt Mathias Lintl. Auch die Investoren der neuen Wilhelmsburger Mitte, dem Kerngebiet der IBA, hat er schon zu Gast gehabt. „Da waren hier 500 Millionen Euro Investitionsvolumen versammelt – und zwei Wochen später war hier Party und der Infoladen hat eine Volksküche gemacht. So was muss immer möglich sein.“

von Annabel Trautwein

 

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2 Kommentare zu Frühjahrsputz für Fortgeschrittene

  • Hennie  sagt:

    Kleiner Hinweis: Im zweiten Absatz steht bis 22. März soll alles fertig sein, im letzten Absatz 22. Mai….

  • WilhelmsburgOnline.de  sagt:

    Danke Hennie für den Hinweis. Gemeint ist der 22. März. Die Halle ist also wieder in Betrieb!

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