Das Rialto erwacht

Das Cabinet des Dr. Caligari - Premiere im Rialto-Kino

Rund 25 Jahre lang lagen sie in tiefem Schlaf – nun sind die Rialto Lichtspiele wieder zum Leben erwacht. Mit dem Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ aus dem Jahr 1920 startete das Kulturprogramm im alten Kino am Vogelhüttendeich. Musik zu dem grotesken Klassiker spielte ein Geiger im Nadelstreifenanzug am Bühnenrand, wie in alten Zeiten. Schauerliche Bilder, feinsinnige Klänge und die Heimeligkeit des Lichtspielhauses bescherte Gastgebern und Publikum eine Premiere voller Gänsehaut-Momente.

Tradition und Treue zur Elbinsel feiert das Rialto schon zum Auftakt seines Kultursommers: Mit Pauken, Piccoloflöten und Trommelwirbel schreitet der Spielmannszug des SV Wilhelmsburg über die Schwelle und bringt den Kinosaal wieder zum Klingen. Pomp und Glamour hat das Rialto lange nicht gesehen: In den Monaten zuvor gingen Architekten, Fachleute der Bauprüfung, Handwerker und etliche freiwillige Helfer ein und aus. Sie flickten das Dach, erneuerten den Fußboden, bauten Fluchtwege und Lärmschutz ein, schraubten alte Kinosessel wieder fest und spannten eine neue Leinwand auf.

„Ich bin total aufgeregt“, sagt Stephan Reifenrath, der neue Eigentümer des Kinos und Leiter des Projekts. „Es macht mich sehr glücklich, dass es rechtzeitig fertig geworden ist.“ Fast 800.000 Euro habe der Wiederaufbau des alten Gebäudes gekostet, sagt er. Ob die Kinokasse das wieder einspielt, ist noch ungewiss. „Wir verdienen ja nichts damit“, sagt er. Warum hat er dann so viel Geld in das Projekt gesteckt? „Weil ich es unbedingt wollte“, antwortet der Unternehmer. „Ich bin da ganz naiv rangegangen.“ Ohne das Versprechen, das Rialto wieder zum Laufen zu bringen, hätte ihm der vorherige Eigentümer das Gebäude gar nicht verkauft, sagt er. Was mit dem Kino passiert, wenn am 31. Oktober die Genehmigungen der Behörden ablaufen, weiß er noch nicht. Sollte sich ein Investor finden, der das Kino weiter betreiben will, würde er es auch vermieten, sagt Stephan Reifenrath. Zunächst aber soll das Rialto ein Sommer lang ein Treffpunkt für Filmfreunde südlich und nördlich der Elbe sein. „Es geht vor allem darum, den Wilhelmsburgern einen Platz zu geben, wo sie wie früher Kultur genießen können“, sagt Reifenrath.

Die Uhr ein Stück zurückgedreht

Viele Gäste bei der Premiere sind zugleich Gastgeber. Sie haben den Verfall des Kinos aus der Nähe gesehen und ihre Freizeit gegeben, um die Uhr ein Stück zurück zu drehen. Ines Frankenberger, die zur Premiere in Retro-Chic erscheint, hat vor kurzem noch die Decke im Foyer abgerissen und erneuert. Sie wohnte gegenüber dem Kino, auf Facebook erfuhr sie von dem Umbau. „Ich wollte einfach ein Teil davon sein“, sagt sie. Nur den „Like“-Button klicken, das hätte ihr nicht gereicht. „Es ist toll zu sehen, dass es läuft nach der ganzen Arbeit“, sagt die Studentin.

Nun strotzt das kleine Lichtspielhaus vor nostalgischem Charme: An den Wänden des Foyers schichten sich Jutetapete und Holzvertäfelung, die Reste einer Wandmalerei, darüber Stückwerk aus Stuck. Der Kiosk ködert im Licht alter Wandleuchten mit Chips und Süßigkeiten. Hinter dem Bullauge des Kassenhäuschens gibt es Tickets am laufenden Meter, bunt und klein wie Wertmarken. Sean Connery schickt „Liebesgrüße aus Moskau“ von einem gezeichneten Filmplakat, gegenüber hängt eins mit der Aufschrift: „Auf Wiedersehen Kinder“.

Ein Wiedersehen ist es auch für Friedel Rehding und Karin Kasten. Das Rialto war ein Fixpunkt ihrer Kindheit, wenige Schritte entfernt stand bis zur Flut im Jahr 1962 ihr Elternhaus. So lange ist es etwa her, dass sie ihren letzten Film im alten Rialto gesehen hatten, erzählen die Schwestern. Damals gab es auch die Filmburg am heutigen Veringeck und das Monopol-Kino am Stübenplatz. Dort liefen vor allem Revue-Filme und Heimatfilme, erzählt Friedel Rehding. „Was man so nach dem Krieg gerne gesehen hat – schön ruhig, keine Schüsse, kein Alarm.“ Karin Kasten zählt sich ohnehin zum eher zartbesaiteten Filmpublikum. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ will sie sich trotzdem nicht entgehen lassen. Zur Heimkehr ins Rialto darf es ruhig ein bisschen Nervenkitzel geben.

"Herzlich Willkommen im Rialto!"

Endlich ist es so weit: Der Eintritt ist eröffnet. Jubel bricht aus im Foyer. Schritt für Schritt, Kartenabriss für Kartenabriss drängt das Publikum in den Kinosaal und verteilt sich auf die Sitzreihen. Die Ränder der Rückenlehnen schimmern silbrig im Licht der gold-rot-silbernen Wandstrahler, die Gebrauchsspuren auf den Sitzflächen aus rotem Cord erzählen vom Nervenkitzel längst verflossener Kinoabende. Süßigkeiten und Eiskonfekt machen die Runde. Dann steigt Stephan Reifenrath auf die Bühne. Sein Blick schweift durch den Saal, er ist fast komplett ausverkauft. „Herzlich Willkommen im Rialto!“ Applaus brandet auf.

Dann verdunkelt sich der Saal. Das Knistern der Kartoffelchips verstummt, als Christoph Drave mit seiner Geige die Bühne betritt. Der Vorspann beginnt, die Geigentöne flirren und flüstern, schräg gezeichnete Buchstaben auf der Leinwand, Raunen und Wispern im Publikum. Wortlos, mit schriller Körpersprache bewegen sich die Schauspieler durch asymmetrische Bühnenbilder. Ein Mann schleicht eine Treppe hinab, „ping-ping-ping“ trippelt die Geige. Finstere Fratzen, Dissonanz, böse Vorahnung. Auf der Leinwand blaue Schrift: „Es gibt Geister um uns her, sie sind überall…“ In der letzten Reihe flüstert Stephan Reifenrath: „Heute ist ein besonderer Tag.“

von Annabel Trautwein

 

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