48h: „
Wilhelmsborch, ahoi!“

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Die Augen haften am Horizont, das Seemannshemd flattert im Wind. „Schön sind die Mädels im Hafen“, schmettern zwei Dutzend Männer aus vollen Kehlen. Obwohl viele von ihnen ergraut sind, wirken sie für einen Moment wie Matrosen auf hoher See. Ihre Planken liegen stattdessen auf einer Bühne der igs Wilhelmsburg. Die Damen im Publikum lächeln verträumt – Zeit zum Schunkeln.

Der Wilhelmsburger Männerchor besingt vor allem die Welt des Meeres. Bei Stichworten wie Heimat, Sehnsucht oder Kap Horn blitzen die Augen der Herren auf. Die Liebe zum Wasser und der Hansestadt, vor allem aber zu ihrer Elbinsel ist ihnen gemein. „Viele Wilhelmsburger haben immer im Hafen gearbeitet“, erklärt der erste Vorsitzende Werner Meltzian. „Daher kommt unsere Shanty-Tradition.“ Tatsächlich befindet sich der ein oder andere Seemann unter den Sängern: Meltzian etwa ist Freizeitkapitän für Segelboote.

Obwohl längst nicht mehr alle Chormitglieder auf der Insel leben, sie neben Shantys auch Schlager singen, verbinden die Männer mit Wilhelmsburg Heimatgefühle. Das liegt mitunter an Traditionen, die sie sich nicht nehmen lassen: Seit der Chor sich 1872 im Gasthaus Sohre gründete, ist das Stammlokal dasselbe geblieben. Bier und Schnaps gehören ebenso dazu wie gemeinsame Ausflüge mit den Ehefrauen. Die könnte man doch gleich zum Mitsingen einladen? „Da würden aber viele Kollegen rot sehen“, sagt Meltzian und grinst. Die Männer wollen eben auch mal unter sich sein.

"Den Jungen ist Singen peinlich."

Was nicht bedeutet, dass der Chor keinen Nachwuchs bräuchte. Tatsächlich ist der hohe Altersdurchschnitt um die 60 das größte Problem des Vereins – das älteste aktive Mitglied ist 87 Jahre alt.  „Das zeigt, dass Singen jung und fit hält“, betont Harald Ohrt, zweiter Vorsitzender. „Aber wir brauchen auch neue Sänger, sonst gibt es uns in Kürze nicht mehr.“ Es macht ihn traurig, dass junge Leute sich offenbar nicht mehr mit Heimatchören identifizieren. „Singen ist irgendwie out“, stimmt Werner Meltzian zu. „Den Jungen ist das peinlich.“

Das wollen die Männer ändern. Der Chor ist nicht nur ein Hobby für sie, er bedeutet gleichzeitig Freundschaft und Zugehörigkeit. „Wir stehen damit für ein Wilhelmsburg, das auch vor igs und IBA stolz auf sich war“, sagt Meltzian. „Die Elbinsel war nie eine pure Industriebrache, wie manche Leute jetzt behaupten.“ Das sehen rund 70 alteingesessene Wilhelmsburger Anwohner und Firmen ebenso, die den Verein als passive Mitglieder unterstützen.

Ein besonderes Highlight darf deshalb bei keinem Konzert fehlen: das Wilhelmsburg Lied. Ein Mitglied hat es getextet, mittlerweile ist es für die Sänger zur Hymne der Elbinsel geworden. In ihr heißt es: „In dat scheune Feld steiht hier de Meuhl in Wind,
 scheun de grooten Flünken an to kieken sünd, 
wenn vun See de Wind mol wedder röber weiht.
 Jo dat is uns Insel,
Wilhelmsborch, wi hebbt uns Freid – Ahoi!“

von Anna Heidelberg-Stein

 

48h Wilhelmsburg

9.6.2013, 11.30 Uhr, Vogelhüttendeich 120

 

Der Männerchor Wilhelmsburg probt jeden Donnerstag ab 19 Uhr im Gemeindehaus der Kreuzkirche Kirchdorf, Kirchdorfer Straße 170.

 

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