IBA-Strukturmonitoring: Die letzte Fragerunde

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Wie nehmen Menschen in Wilhelmsburg den Wandel auf ihrer Insel war? Danach erkundigen sich Forscher im Auftrag der Internationale Bauausstellung (IBA) jedes Jahr. Nun haben die Umfragen wieder angefangen: 500 Personen in Wilhelmsburg und auf der Veddel werden angerufen, außerdem sollen 100 Leute auf der Straße befragt werden. Auch mit ausgewählten Experten aus dem Stadtteil wollen die Forscher sprechen. Ziel des Strukturmonitorings ist es, die Lage in den Quartieren, ihre Entwicklung und die Meinung der Menschen über die IBA zu erfassen. Kritiker sagen, dass noch mehr dahinter steckt: Die IBA wolle mit dem Bericht Werbung in eigener Sache machen.

Haben Sie in den vergangenen zwei Jahren schon mal darüber nachgedacht, aus Wilhelmsburg weg zu ziehen? Wie zufrieden sind Sie mit den Einkaufsmöglichkeiten auf der Insel? Würden Sie Wilhelmsburg als Problemstadtteil bezeichnen? Oder als Szeneviertel? All das wollen die Forscher des Instituts Analyse & Konzepte von den Menschen auf der Elbinsel wissen. Sie fragen auch, welches Bild die Leute von der IBA haben und wie das Bild zustande kommt. Welche Projekte der IBA sind bekannt? Wer hat sich welches Projekt angeschaut? Auch, ob die Befragten wöchentlich das Hamburger Abendblatt, die MoPo, die Bild oder das Wochenblatt lesen, interessiert die Forscher. Und sie fragen nach Staatsangehörigkeit, Bildungsabschluss und Einkommen.

Forscher rufen in Privathaushalten an

Jedes Jahr rufen sie dazu 500 zufällig ausgewählte Personen in Wilhelmsburg und auf der Veddel an. Es sind immer dieselben, die am Telefon befragt werden – so wollen die Forscher herausfinden, ob sich die Situation der Menschen oder ihre Meinung geändert hat, erklärt Tanja Tribian von Analyse & Konzepte. Das Institut verwendet auch Statistiken, aber die allein reichen nicht. „Die von uns recherchierten Daten geben die harten Trends wieder. Die subjektive Wahrnehmung einzelner Bewohner kann davon natürlich abweichen“, sagt Tanja Tribian. Außerdem führen die Forscher Gespräche mit Fachleuten aus Schulen, Wohnungsunternehmen und anderen Firmen, Städtebau und sozialen Einrichtungen. Von diesen „Experteninterviews“, die nicht am Telefon und anhand eines gesonderten Fragenkatalogs geführt werden, versprechen sie sich einen tieferen Einblick in das jeweilige Fachgebiet. Alles zusammen soll ein wissenschaftlich fundiertes Bild von der Lage und der Entwicklung in Wilhelmsburg und auf der Veddel ergeben.

Kritiker des Arbeitskreises Umstrukturierung Wilhelmsburg (AKU) vermuten noch mehr dahinter. In einem Artikel über das Strukturmonitorings 2012 schreiben sie auf ihrer Internetseite, dass der Bericht vor allem Erfolge der IBA in den Vordergrund stelle – auch wenn die Ergebnisse der Forscher bei näherem Hinsehen ein ganz anderes Bild ergäben. Außerdem kritisiert der AKU, dass die Forscher nicht bekannt geben, wen sie als Experten interviewt haben, obwohl die Meinungen dieser Personen stärker gewertet würden als die der übrigen Befragten. „Es geht nicht darum, Meinungen einzelner Personen wiederzugeben, sondern ein Gesamtbild aus der Sicht von Experten zu zeichnen“, sagt Tanja Tribian dazu auf Nachfrage von WilhelmsburgOnline.de.

Gelingt die "Aufwertung ohne Verdrängung"?

Wird die IBA ihrem Anspruch auf „Aufwertung ohne Verdrängung“ gerecht? Darauf soll das Strukturmonitoring zumindest Hinweise geben. Doch wer legt fest, was „Aufwertung“ bedeutet? Der AKU findet darauf keine klare Antwort. Die IBA erwähnt nur, woran sich „Aufwertung“ erkennen lässt – etwa an Bestrebungen, Mietwohnungen in Eigentum umzuwandeln, an der Modernisierung von Häusern oder der „Verbesserung der Einzelhandelssituation“. Auch ob die Mieten steigen, spielt eine Rolle. Laut Tanja Tribian ist es für die Forscher nicht ohne weiteres zu bestimmen, ob die IBA ihr zentrales Ziel erreicht hat oder nicht. Wer wann warum auf der Insel lebt und was die IBA damit zu tun hat, sei schwierig zu ermitteln. „Die zentralen Daten zur Bevölkerungsstruktur haben sich bisher im Zeitverlauf nicht gravierend verändert“, sagt Tanja Tribian. „Wir wissen ja auch, dass solche Prozesse nicht in vier Jahren stattfinden.“ Außerdem mache sich die angespannte Situation auf dem Hamburger Wohnungsmarkt auch in Wilhelmsburg bemerkbar. „Wir konnten aber bisher nicht feststellen, dass es durch die IBA zu überdurchschnittlichen Mietsteigerungen gekommen ist“, sagt die Sprecherin.

Am Fragenkatalog der Forscher hat die IBA mitgeschrieben – daraus macht Tanja Tribian kein Geheimnis. In einigen Fragen scheint die Handschrift der Auftraggeber durchzuschimmern. So haben die Inselbewohner bei der Frage „Was verbinden Sie mit der IBA?“ die Auswahl zwischen „Kultur“, „multikulturelle Bevölkerung“, „Zukunft der Stadt“, „Klimawandel“ und „Bildung“. Ob jemandem auch Aspekte wie „Mietsteigerungen“ in den Sinn kommen, notieren sich die Forscher nicht. An der wissenschaftlichen Neutralität des Strukturmonitorings soll das nichts ändern. Der Bericht sei eher eine Beschreibung als eine Bewertung, sagt Tanja Tribian.

von Annabel Trautwein

 

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2 Kommentare zu IBA-Strukturmonitoring: Die letzte Fragerunde

  • Empiriker  sagt:

    Die Aussagekraft der erhobenen Daten ist stark zu bezweifeln. Es leben ~ 50.000 Menschen in Wilhelmsburg. Zieht man die unter 18-jährigen ab, dann sind es immer noch ~ 40.000 Menschen. – Natürlich ist diese Verminderung der Gesamtpopulation nicht ganz sauber, denn Jugendliche und Kinder haben sicherlich auch eine Meinung -. Davon nur 500 zu befragen scheint eine viel zu kleine Stichprobe zu sein, um belastbare Aussagen zu erhalten. Um seriöse Daten zu bekommen, wäre ein Stichprobenumfang von 10-15% aussagekräftiger. Aber wenn sogar der Auftraggeber die Fragen bestimmt, ist die Objektivität sowieso nicht mehr ausreichend gewährleistet. Also viel Spaß beim Rückschlüsse ziehen.

  • Ivo  sagt:

    @Empiriker: Deinen Nickname hast du sicher nicht zufällig ausgesucht, sondern weil Du Dich mit Empirik befasst? Dann weißt Du ja, wieiviele Menschen die großen Meinungsforschungsinstitute befragen, wenn sie vor Bundestagswahlen Umfragen machen: Das sind 1.000 Bürger stellvertretend für 80 Mio. Deutsche. Auf Wilhelmsburg umgerechnet wären das 0,625 Wilhelmsburger. Da sind 500 Befrage extrem viel. Aber natürlich hast recht, ein Stichprobenumfang von 10-15% wäre noch repräsentativer. Also auf Bundestagswahlen übertragen: 8 – 12 Mio. Leute. Noch repräsentativer wären natürlich 100% aller Leute. Dürfte kaum durchzuführen sein. Naja und was die Anmerkung angeht, dass der Auftraggeber die Fragen bestimmt: ja klar – wer denn sonst???

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