Soulkitchen Exil bittet zum letzten Tanz – vorerst

Ein Wochenende noch: Am 31. August soll das Soulkitchen Exil geräumt werden

Ein Container voller Konsumgüter oder ein Container voller tanzender Menschen – was hat mehr Wert für Hamburg? An ihrem offiziell letzten Wochenende im Soulkitchen Exil wollen die dort ansässigen Kulturunternehmer dieser Frage auf den Grund gehen. Nach drei Tagen mit Film, Konzerten, Party, Grillen und weiteren Aktionen sind alle eingeladen, sich auf einer Fläche von 18,35 mal 2,55 Metern zum Tanz einzufinden. Das Experiment ist nicht nur symbolisch gemeint, sagt Mathias Lintl. Einerseits gehe es darum, Logistik und Industrie eine lebhafte Kulturszene entgegen zu setzen – andererseits will das Soulkitchen-Kollektiv der Finanzbehörde vorrechnen, dass sich diese Szene für Hamburg auch auszahlen kann.

Entweder Kultur oder finanzieller Gewinn – dieses Bild kommt auf, wenn die Hamburger Finanzbehörde sagt, das Soulkitchen müsse weichen, damit sein heutiger Standort an der Industriestraße vermarktet werden kann. Kulturunternehmer Mathias Lintl sieht das anders: „Diese Fläche kann sich auch anders ökonomisch entwickeln als auf die Weise, die sich die Finanzbehörde vorstellt“, sagt er. Ideen dazu hat das Soulkitchen-Kollektiv bereits gesammelt – Mathias Lintl skizziert im Gespräch mit WilhelmsburgOnline.de die ersten Umrisse eines Konzepts.

"Gnadenhof" für altgediente Kunstwerke

Das heutige Exilgelände könnte demnach eine Schaufläche werden, „auf der Kunst aus dem öffentlichen Raum in Würde altern kann“, wie Lintl es ausdrückt. Vom Prinzip her sei die Idee vergleichbar mit sogenannten Gnadenhöfen für altgediente Nutztiere, die um ihrer selbst Willen vor dem Schlachter gerettet werden. Altgediente Kunstwerke gebe es in der Stadt zuhauf. „Hamburg war ja bei dem Projekt Kunst im öffentlichen Raum führend in Deutschland. Da sind ganz tolle Sachen entstanden“, sagt Mathias Lintl. Viele dieser Werke würde jedoch im Laufe der Zeit aus frei zugänglichen Plätzen entfernt, weil die Pflege zu aufwändig und teuer sei. Für Bürgerinnen und Bürger seien sie damit verloren. Auf der Fläche am Veringkanal dagegen könnten die Kunstwerke für die Menschen und die Stadt erhalten bleiben. „Das hat auch einen ökonomischen Wert“, sagt Lintl. Die Schaufläche für altgediente Kunst ließe sich auch ohne eine teure Bodensanierung einrichten. Ein Plus an Aufmerksamkeit könnte sich die Stadt damit ebenfalls gutschreiben – und in konkretem Geldwert beziffern.

Darüber hinaus arbeiten die Kulturunternehmer an einem Konzept für die Nutzung von Gebäuden auf der Fläche. Die Soulkitchen-Halle könnte demnach hergerichtet und zum Großraumatelier ausgebaut werden, in der verschiedene Künstler gleichzeitig planen und arbeiten könnten. „Das wäre in einem Industriegebiet ideal“, meint Mathias Lintl. Als künftigen Veranstaltungsraum stellt er sich eine neue Halle nebenan vor, die aus wiederverwerten Baumaterialien aufgebaut werden könnte. All diese Ideen wollen die Kulturunternehmer in den kommenden Wochen ausarbeiten und reifen lassen.

Tausende unterstützen die Petition

Die Vorstellung, dass an ihrer kulturellen Heimstätte mehr entstehen kann als neue Industrie- und Gewerbeflächen, teilen die Soulkitchen-Macher mit fast 6000 Menschen. So viele haben bereits die Petition unterschrieben, die das Kollektiv vor zehn Tagen auf den Weg gebracht hat. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner bekräftigen damit die Forderung, dass nichts geräumt und die Soulkitchen-Halle nicht abgerissen wird, solange die Zukunft am Veringkanal noch offen ist. Das Papier ist bereits auf dem Weg durch die politischen Gremien – ein langer Prozess, wie Mathias Lintl betont: „Bevor das endgültig entschieden ist, dauert das locker ein halbes Jahr.“

Aufschiebende Wirkung hat die Petition nicht, die Stadt kann weiterhin so vorgehen wie geplant. Ob es jedoch moralisch vertretbar und taktisch klug sei, das Votum und die Argumente von 6000 Menschen einfach zu übergehen, hält Lintl zumindest für fraglich. Deshalb wollen er und seine Mitstreiter sich zu Beginn der kommenden Woche noch einmal gezielt an den Finanzsenator wenden und ihm die Lage schildern. „Das hat ja alles keine rechtliche Bewandtnis, das ist klar. Was uns wichtig ist, sind die vielen interessanten Kommentare, die die Unterschreibenden hinterlassen haben“, sagt Mathias Lintl. Der Senator soll mitbekommen, wie die Menschen ihren Einsatz für das Soulkitchen begründen. „Selbst Politikern, die viele Dokumente nur überfliegen, dürfte da schon deutlich werden, dass das kein Partikularinteresse ist, was wir hier vertreten“, sagt Mathias Lintl.

Rauschendes Fest zum Abschluss

Anfang der kommenden Woche will das Kollektiv die Geschichte des Soulkitchen und die Ideen und Vorschläge für seine Zukunft über lokale, regionale und überregionale Medien deutschlandweit bekannt machen. Bis dahin soll – offiziell zum letzten Mal – noch einmal richtig gefeiert werden. Am Freitagabend lädt das Soulkitchen Exil zum Freiluftkino ein, angekündigt ist „ein schöner Mix aus Filmen, rund um das Thema Lebensgefühl, Musik, Recht, Liebe und Insel“. Am Samstag steht die Bühne allen Musikern offen, die Lust haben, ein spontanes Konzert zu geben. Für Sonntag ist DJ-Pingpong angesagt, bei dem ambitionierte Plattendreher es gegen einen lokalen Veteranen und seine umfangreiche Musiksammlung aufnehmen können. Und es darf noch einmal getanzt werden – nicht nur auf 18,35 mal 2,55 Metern.

von Annabel Trautwein

 

ein Kommentar zu Soulkitchen Exil bittet zum letzten Tanz – vorerst

  • Torsten Radtke  sagt:

    Klasse!

    Ich finde es toll, dass sich so viel positive Energie dem üblichen Stumpfsinn der vermeintlich legitimierten Verwaltungen entgegen stemmt.

    Es ist auch dringend Zeit dafür!

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