Wilhelmsburg für alle – So geht Inklusion

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Alle gehören zur Gesellschaft dazu, niemand bleibt außen vor – das bedeutet Inklusion. Wie kann das in Wilhelmsburg gelingen? Darüber haben sich Fachleute und interessierte Menschen aus dem Stadtteil ausgetauscht. Bei der „Perspektiven“-Veranstaltung am Montagabend im großen Saal des Bürgerhauses wurde klar: Wenn alle mitdenken und mitmachen, kann die Elbinsel noch viel offener und bunter werden.

Tippen, ohne auf die Tasten zu gucken – das macht Bettina Kiehn eigentlich jeden Tag. Jetzt aber versucht die erste Frau im Bürgerhaus angestrengt, ihren Namen zu Papier zu bringen. Statt Buchstaben muss sie nun mit einem Raster von Punkten klarkommen, aus denen die Blindenschrift Braille sich zusammensetzt. Gerade haben ihre Finger, verborgen unter einem Tuch, das T ertastet. „Wie wird dein Name geschrieben?“, fragt Jörg Arp. Bettina Kiehn zögert: „Eigentlich mit Doppel-T, aber…“ „Na, da weißt du ja jetzt schon, wie das geht“, sagt er. Ausflüchte lässt der blinde Fachmann nicht gelten. Wenn die Gastgeberin des großen Inklusions-Treffens testen will, wie Blinde tippen, soll sie das Handicap wenigstens sieben Buchstaben lang durchhalten. „Jetzt das I“, verlangt er. Doch dann ist die Pause schon vorbei, das Treffen im großen Saal geht weiter. Sie einigen sich auf „Betti“. Jörg Arp zieht das Papier hervor und fängt mit der Fingerspitze an zu lesen: „Das soll B sein, das soll das E sein… und das I ist dann irgendwo hier.“ Jörg Arp ist streng. Trotzdem freut sich Bettina Kiehn, ihn getroffen zu haben – in Sachen Blindenfreundlichkeit hat nämlich das Bürgerhaus einiges nachzuholen. Beschriftungen in Braille gibt es noch nicht. „Dann besuche ich euch mal“, sagt Jörg Arp und reicht Bettina Kiehn seine Visitenkarte. „Schreib mir einfach eine Email.“

Viele öffentliche Gebäude in Wilhelmsburg sind nicht gut genug ausgestattet für Menschen mit Behinderung. Das ist einer der Kritikpunkte, den die Frauen und Männer im Bürgerhaus zusammentragen. Auf Karten notieren sie, was im Stadtteil schlecht geregelt ist und was sie sich wünschen. Am Ende sind zwei Stellwände mit Karten zugepflastert. „Mehr Wohnungen für behinderte Menschen in Wilhelmsburg“ steht da oder „Ich komme nicht auf meinen Balkon“. Es geht aber nicht nur um Rollstuhlfahrer. Auch mehr einfache Sprache wird gefordert oder Platz für alternative Lebensformen, zum Beispiel das Wohnen in Bauwagen. Wer arm ist und gar keine Wohnung hat, soll genauso dazugehören. Zu Veranstaltungen sollen ältere Menschen öfter eingeladen werden. Religiöse Verbände sollen sich beteiligen können, außerdem fehlen selbstverwaltete Cafés oder eine Disko, in der Menschen mit Behinderung willkommen sind.

Keine Außenseiter, keine Randgruppen, keine Parallelgesellschaft

Die vielen Wünsche und Forderungen zeigen: In Wilhelmsburg sind immer noch viele Leute außen vor. Sie sind darauf angewiesen, selbst oder mit Hilfe anderer Sonderlösungen zu finden, um mitmachen zu können. In einer inklusiven Gesellschaft soll das nicht nötig sein – das stellt Klaus Becker, Leiter des Inklusionsbüros der Stadt Hamburg, gleich zu Anfang des Treffens klar. Genau das sei der Unterschied zwischen Inklusion und Integration, erklärt er. Integration geht davon aus, dass einige zunächst nicht dazu gehören – weil sie geistig oder körperlich nicht mitkommen, weil sie andere Sprachen sprechen, weil ihr Leben anders verläuft als bei den meisten, weil sie jünger oder älter sind als die, die als „normal“ gelten. Um Teil des Ganzen zu werden, sollen sie mühsam integriert werden. Inklusion dagegen heißt: Diese Mühe sparen wir uns. Wir denken einfach von Anfang an für alle mit. Niemand muss sich als Außenseiter fühlen, es gibt keine Randgruppen und keine Parallelgesellschaft. Deshalb geht Inklusion alle etwas an.

Bei der Veranstaltung im großen Saal bleiben dennoch viele Plätze leer. Etwa 40 Leute sind gekommen. Dabei haben die Gastgeber für alles gesorgt: Zwei Gebärdensprach-Dolmetscherinnen übersetzen die Reden auf der Bühne, zwei Schrift-Dolmetscherinnen sorgen dafür, dass das Gesprochene als Text für alle nachzulesen ist. Gute Stimmung kommt auch in kleiner Runde auf – dafür sorgen Katrin Wulff und Mischa Gohlke mit ihrer Musik. Dass der Gitarrist selbst kaum etwas davon hören kann, wird erst später im Interview mit Klaus Becker klar. Er sei von Geburt an hörgeschädigt, erklärt Mischa Gohlke. Trotzdem habe er nie gezögert, Gitarre zu spielen. „Ich hatte einfach den Impuls, Musik zu machen“, sagt er.

Gute Ideen klauen von anderen Stadtteilen

Anfangen, durchhalten – dass Inklusion im Alltag auf diesem Weg zu schaffen ist, kann sich Wilhelmsburg auch von anderen Stadtteilen abgucken. In Altona waren viele Menschen bereits sehr erfolgreich. Sie schrieben 30 Ziele auf, an die die Stadt beim Bau der Neuen Mitte Altona denken sollte, zum Beispiel genug bezahlbaren Wohnraum zu schaffen oder dafür zu sorgen, dass Menschen mit Einschränkung nah an ihrem Zuhause Arbeitsplätze finden. Am Ende überzeugten sie die Bezirksversammlung in Altona. Die wiederum forderte den Senat auf, dafür zu sorgen, dass die Ziele der Aktiven in Altona für ganz Hamburg gelten sollen. „Die BSU – die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die hier in Wilhelmsburg sitzt – fand diese Ideen auch gut und stellte sich ihnen offen gegenüber“, erklärt Michael Preuß, der das Forum in Altona ehrenamtlich unterstützt. Dass die Sache so erfolgreich war, habe viele Gründe gehabt: Das Forum sei offen für alle, jede und jeder darf gleich viel mitbestimmen, niemand ist Chef oder Vordenker, niemand muss mitmachen – aber die, die es tun, sind aus Überzeugung und eigenem Interesse dabei.

„Wenn jemand eine gute Idee hat, dann soll die geklaut werden“, sagt Karen Haubenreisser von der Stiftung Alsterdorf, die das Projekt Q8 Altona ins Leben rief. Es sei wichtig, dass auch Menschen in Wilhelmsburg den Politikern und Verwaltungsfachleuten auf die Finger schauen. Wenn irgendwo in Hamburg neue Standards und Normen eingeführt werden, sollen sich Leute überall in der Stadt darauf berufen können – das versprechen Dr. Markus Menzl von der Hafencity Hamburg GmbH und Susanne Wegener vom Verein Hafencity. In einem Vortrag mit vielen Karten und Stichworten stellen sie dar, wie sie sich die Nachbarschaft im neuen Quartier Baakenhafen vorstellen. Am Ende aber sind die meisten Zuhörer aus Wilhelmsburg ratlos: Was hat das alles mit uns zu tun? Auch in Wilhelmsburg sollen neue Wohnungen entstehen, erklären die Gäste aus der Hafencity. Da sollten die Menschen dasselbe erwarten und einfordern können wie das, was im modernen Stadtteil Hafencity schon als normal gilt.

von Annabel Trautwein

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