Lernen mit Action: Wilhelmsburger Schulen machen’s vor

Der Neunaugen-Rap in der Elbinselschule (Large)

Herumzappeln, in die Klasse rufen, toben – all das gehört in der Elbinselschule zur Schulbildung dazu. Die Schüler können sich so besser konzentrieren, sagt Schulleiter Christoph-Boris Frank. Was für viele Lehrer und Eltern noch fremd ist, wird in Wilhelmsburg bereits erfolgreich umgesetzt: Das Lernen mit Bewegung. Bei der Veranstaltung „Eine Lernlandschaft im Fluss“ am Donnerstag und Freitag konnten sich alle Interessierten im Bildungszentrum Tor zur Welt ein eigenes Bild davon machen.

In Mathe bei Frau Skwirblies wird erst einmal gerappt. Das große Einmaleins ist heute Thema – eine neue Herausforderung für die Kinder der Stufe 3 an der Elbinselschule. Die Musik soll ihre grauen Zellen in Schwung bringen. Die Jungs und Mädchen stellen sich im Kreis auf und legen los mit dem Neunaugen-Rap: „Das Neunauge kennt den Neunaugen-Trick / schwimmt zehn Züge vor und einen zurück / ein Zehner vor – ein Einer weg…“ Bei „Zehner vor“ springen sie in die Mitte, dann hüpfen sie wieder zurück. Stillsitzen? Nicht in diesem Mathe-Unterricht.

Lernen mit Bewegung ist ein Erfolgskonzept an der Elbinselschule, sagt Schulleiter Christoph-Boris Frank: „Wir versuchen, alle Sinne mit einzubinden.“ Musik und Bewegung gehören zum Schulalltag dazu, nicht nur in Mathe. Denn wenn die Jungen und Mädchen beim Lernen auch körperlich aktiv sind, bleibt der Stoff besser hängen. „Wir können konkret überprüfen, dass es wirkt“, sagt der Schulleiter. Davon sollten sich bei der Veranstaltung „Eine Lernlandschaft im Fluss“ des Bildungsforums Elbinseln alle überzeugen können: Die Elbinselschule, die Grundschule Burgweide, das Regionale Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ), das Helmut-Schmidt-Gymnasium und die Elternschule hatten ins Bildungszentrum Tor zur Welt eingeladen, um ihre Art des Unterrichts vorzustellen. Mehr als 100 Besucher kamen in die Krieterstraße – Lehrer und Pädagogen, Eltern und andere Interessierte.

Im Mathe-Unterricht der Stufe 3 sind etwa zehn Leute zu Gast, vorwiegend Lehrerinnen und Pädagogen aus anderen Schulen. Das Lern- und Bewegungskonzept „Myrtel“, das an der Elbinselschule eingesetzt wird, kenne sie bisher nur aus der Theorie, sagt eine Lehrerin aus Berlin: „Ick wollte dit jetzt mal live sehen.“ Den Weg aus der Hauptstadt nach Wilhelmsburg nahm sie dafür gerne in Kauf. „Wir überlegen, ob wir uns als 'bewegte Schule' bewerben sollen“, erklärt eine Lehrerin aus Volksdorf. Im Bildungszentrum Tor zur Welt sammelt sie Anregungen und Ideen.

Im Kreis der Schüler ist inzwischen ein neues Spiel dran: Kopfrechnen reihum. Lehrerin Sigrid Skwirblies stellt eine Aufgabe, die zwei Kinder im Duell beantworten müssen. Wer von beiden schneller das richtige Ergebnis ruft, darf im Kreis einen Platz weiter rücken und tritt gegen das nächste Kind an. Klar, dass Aufzeigen und Abwarten hier keine Option sind. „Acht mal Neun?“, fragt Sigrid Skwirblies. „Zweiundsiebzig“ schallt es mehrstimmig zurück. Wer wusste es zuerst – Mustafa oder Ümmü-Ahsen? Die Lehrerin stellt die nächste Aufgabe, die Antworten kommen immer lauter. Ümmü-Ahsen lässt ihre gefalteten Hände nach vorne schnellen vor Aufregung. Das ist kein Kopfrechnen mehr, das ist Kopf-an-Kopfrechnen. Ömer sagt heimlich vor und wird erwischt. Lachend hält Sigrid Skwirblies ihm die Ohren zu.

Nach dem Spiel teilt sich die Gruppe auf: Manche lösen Aufgaben in ihren Arbeitsbüchern, andere üben draußen auf dem Flur. Ümmü-Ahsen und Diocelina sichern sich die erste Station: Rechnen auf Rädern. Mit dem Rollbrett holt sich Diocelina ein Kärtchen mit einer Aufgabe. Dann rollt sie zu Ümmü-Ahsen zurück, liest vor und nennt ihre Lösung. Ümmü-Ahsen kontrolliert das Ergebnis auf einer langen Liste. „Stimmt“, sagt sie und nickt. Schon ist Diocelina wieder unterwegs.

Stillsitzen und nicht dazwischen quatschen – das galt lange Zeit als das ideale Lernverhalten. Doch inzwischen ist die Wissenschaft weiter. Das veranschaulichte auch Prof. Dr. Renate Zimmer in ihrem Vortrag am Donnerstagabend, wie Christoph-Boris Frank berichtet. Die Erziehungs- und Sportwissenschaftlerin aus Niedersachsen ist Spezialistin für die Frage, wie körperliche und geistige Aktivität schon bei kleinen Kindern zusammenwirken. Ihr Ergebnis: Wer sich beim Lernen bewegt, kann sich viel besser konzentrieren. Diese Erkenntnis teilt der Leiter der Elbinselschule: „Die Kinder gehen sogar konzentrierter aus dem Schulnachmittag heraus, als sie morgens angefangen haben“, sagt er. Trotzdem gebe es immer noch starke Vorbehalte gegen das Lernen mit Bewegung. Ein Kollege aus einer weiterführenden Schule habe ihm mal gesagt: „Was ihr den Kindern angewöhnt, müssen wir ihnen später wieder mühsam abgewöhnen“, erzählt Christoph-Boris Frank. Diese Meinung sei nach wie vor weit verbreitet. Er ist überzeugt: „Da muss ein Sinneswandel stattfinden.“

Was gehört zur Schulbildung dazu? Wie können Kinder und Erwachsene am besten Lernen? Darüber wollen die Aktiven in der Bildungsoffensive nicht nur mit Fachleuten diskutieren. Gesprächsbedarf gebe es oft auch zwischen Lehrern und Eltern, sagt Christoph-Boris Frank. Die Schule müsse immer wieder aufs neue vermitteln, wieso die Kinder dort anders lernen, als es die Eltern meist selbst gewohnt sind. Das liege auch an der kulturellen Vielfalt in Wilhelmsburg: Je nach Herkunft haben Eltern bisweilen unterschiedliche Vorstellungen davon, was gute Schulbildung ausmacht. „Da ist Kreativität gefragt“, sagt Christoph-Boris Frank – nicht nur im Unterricht, sondern auch bei dem Bestreben, Bildung für alle im Stadtteil zum Thema zu machen.

von Annabel Trautwein

 

Bildungsoffensive – was ist damit gemeint?

Bei der „Bildungsoffensive“ tun sich Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen, Sozialberater und andere Interessierte zusammen, um gemeinsam Lernangebote auf den Elbinseln zu verbessern und auszubauen. Sie tauschen sich über neue Ideen aus und überlegen sich Wege, um besser zusammen zu arbeiten. Dabei geht es nicht nur um Kinder und Schule, sondern auch um Bildungsangebote für Erwachsene. Der Begriff „Bildungsoffensive“ wurde im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) ins Leben gerufen. Die Idee ist jedoch älter als die IBA: Schon im Jahr 2002 entstand das Forum Bildung Wilhelmsburg, das sich für bessere Bildung im Stadtteil einsetzt.

 

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ein Kommentar zu Lernen mit Action: Wilhelmsburger Schulen machen’s vor

  • Ali  sagt:

    Hi,

    das ist ein toller Beitrag. Kinder lernen anfangs am besten wenn sie spielerisch an ein Thema heran geführt werden. Das hier vorgstellte "Kopfrechnen reihum" eignet sich hervorragend dafür. Ich persönlich trainiere das Kopfrechnen mit Mathemakustik. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsgrade und die Aufgaben können individuell eingestellt werden. Die Software (auch kostenlos erhältlich) eignet sich für jung und alt. Für Interessierte hier der Link: http://www.mathemakustik.de/

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