Was macht die Kunst? Welten bauen mit Sarah Roloff

Sarah Roloff mit Leuchtqualle (Large)

Tierversuch geglückt: Die Qualle leuchtet. Zufrieden begutachtet Sarah Roloff ihren Prototypen. Glitschig glänzt der Quallenkopf, eine Halbkugel aus Rohseife. Im Innern glimmt eine LED-Birne. Auch wenn sie im neuen Bilderbuch der Wilhelmsburger Illustratorin nur eine Nebenrolle spielen – die Quallen müssen leuchten. Sie leben schließlich in der Tiefsee, wo die Helden ihres neuen Bilderbuchs „Mein Bruder“ eine wichtige Mission zu erfüllen haben.

Aus Draht, Seife, Schaumgummi, Pappe, Schrott oder Geliermittel baut Sarah Roloff ganze Welten auf. Wochenlang entwirft sie ihre Miniaturen, experimentiert mit Material, baut Puppen und Modelle, arrangiert Szenen und schmückt sie aus mit winzigen Details. Erst wenn alles stimmt und nichts mehr fehlt, bringt die Illustratorin ihre Werke mit Kamera und Drucker zu Papier. Die Fotos erzählen Geschichten, wie eine Zeichnung nie könnte: Dreidimensional und lebensecht, als wäre die Stimmung mit Händen greifbar.

Gerade bohrt Sarah Roloff Gussformen für die Seifenquallen vor, bis der Bohrkopf heiß wird und das Plastik an ihm festbackt. Jedes Material hat seine Tücken. „Ich bin gerade in der allerletzten Bauphase“, sagt die Künstlerin. An der Wand über ihr hängt der „Masterplan“ für ihr neues Buch. Die Geschichte über einen Jungen, der mit Tieren spricht, ist auch ihre Abschlussarbeit an der Hochschule. Schon ihr erstes Buch ist eine Foto-Geschichte mit selbstgebauten Szenen. Mehr als 1000 Stunden hat sie daran gearbeitet, sagt die 32-Jährige. „Es gibt nur wenig Leute, die mit so einer Technik arbeiten – es ist eben wahnsinnig aufwändig“, sagt sie und lacht. „Aber es bringt auch richtig Bock.“

Am 3. Juni muss alles fertig sein – dann will Sarah Roloff ihre Bilder im Hafenmuseum ausstellen. Gäste aus Wilhelmsburg können viel wiedererkennen, sagt sie. Das Bild eines Backsteinhauses mit Stufen vor der Tür und windschiefer Hausnummer etwa ist ein Modell des Hauses gegenüber der Deichdiele, wo die Künstlerin am Tresen jobbt und die Fenster gestaltet. An ihrem Modell richtete sie einen Call-Shop ein und montierte Mini-Satellitenschüsseln an die Fassade. „Vielleicht bringe ich noch eine Flutmarke an“, sagt sie.

Seit vier Jahren lebt Sarah Roloff auf der Elbinsel. „Ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wegzuziehen“, sagt sie heute. „Ich hatte schon mehrmals Alpträume, dass ich umziehe und plötzlich merke: Ich bin nicht mehr in Wilhelmsburg.“ Als Künstlerin schätzt sie vor allem die Vielfalt der lokalen Kreativszene, weil dort Künstler aller Disziplinen willkommen seien. Auch Sarah Roloff macht bei mehreren Projekten mit: Für die mobile Sauna „Zunderbüchse“ malte sie das Logo, ein Maskottchen ist in Arbeit. Auch für den Folkstanzwirbel, den der Musiker Arne Theophil in der Honigfabrik veranstaltet, will sie ein Logo entwerfen. Wenn alles gut geht, soll sie dafür eine Barkasse bekommen, die ihre Gäste über den Spreehafen zur Vernissage im Hafenmuseum bringt.

Den Hafen hat Sarah Roloff von ihrem Schreibtisch aus ständig im Blick. „Das finde ich spannend an Wilhelmsburg: Gehe ich in die eine Richtung, fühle ich mich nach drei Straßenecken wie am Ende der Welt. Wenn ich in die andere Richtung gehe, treffe ich immer jemanden, mit dem ich Kaffee trinken kann“, sagt sie. Gerade weil der Stadtteil noch nicht so erschlossen sei, halte er viele Überraschungen bereit. „Die Leute haben hier auch Lust, sich überraschen zu lassen – nicht nur die kreativen. Wenn die Schafe am Deich sind, dann kommen alle her, die fünfjährigen bulgarischen Halbstarken, die türkischen Opas und die coolen Hipster.“

von Annabel Trautwein

Illustrationen von Sarah Roloff

 

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