добре дошъл! Bulgaren werben für Respekt

Bulgarisches Stadtteilfest auf dem Rotenhäuser Feld (Large)

Bulgarische Musik, bulgarische Spezialitäten, Jubel und Trubel auf dem Tanzboden – am Samstag feierten hunderte Menschen ein Nachbarschaftsfest auf dem Rotenhäuser Feld. Für viele gab es doppelten Anlass, dabei zu sein: Die Info- und Kulturveranstaltung „Bulgarien in Wilhelmsburg“ fiel zusammen mit dem orthodoxen Feiertag zu Ehren der Heiligen Kyrill und Methodius. Doch nicht allen war zum Feiern zumute. Ausbeutung, Wohnungsnot und das Gefühl von Ohnmacht waren immer wiederkehrende Themen an den Info-Ständen der 27 Institutionen und Vereine, die zu dem Fest eingeladen hatten.

„Sie essen mein Geld!“ Alev K. ist wütend und am Ende. Er hat nichts mehr zu verlieren, sagt er. Sechs Jahre lang lebte der Bulgare in Hamburger Wohnungen, die ihm vermeintliche Helfer beschafft hatten, eingepfercht mit sechs anderen Männern, für 200 Euro pro Kopf. Wilhelmsburg, Wandsbek – alles dasselbe, sagt Alev K. Wo er heute lebt? „Schreib Beatles-Platz“, sagt er und lacht zynisch. „Ich bin da, jeden Tag.“ Papiere hat er nicht, nur seinen Personalausweis. Seine Vermieter nahmen sein Geld, aber die nötigen Papiere für das Einwohnermeldeamt rückten sie nicht heraus. Ohne Meldung kein legaler Job, das wussten alle. Geschuftet hat Alev K. trotzdem jahrelang, als Tagelöhner auf dem Bau oder als Putzhilfe im Malerbetrieb. „Ich mache alles schwarz“, sagt er. Er erzählt von Unternehmern, die ihn ausbeuteten, in die Illegalität drängten und die nun mit ihrem BMW oder Mercedes an ihm vorüberfahren. „Und dann alle Bulgaren und Rumänen sind Arschlöcher? Warum?“ Am liebsten würde er seine Ex-Chefs und Ex-Vermieter verklagen, sagt er. Aber die Hoffnung, dass es hilft, hat Alev K. längst aufgegeben. Er sammelt jetzt Flaschen auf dem Kiez.

Alev K. stammt aus dem Nordosten Bulgariens, Türkisch ist seine Muttersprache. „Osmanische Geschichte“, sagt er. Viele seiner Landsleute sprechen von Haus aus Türkisch, bei den Bulgaren in Wilhelmsburg sind es nach Schätzung von Alev K. etwa 80 Prozent. Wer aus Bulgarien nach Deutschland kommt, findet in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil schneller Anschluss, erläutert Christiane Tursi von der Wilhelmsburger Beratungsstelle Verikom. So ist es auch kein Zufall, dass viele Bulgarinnen und Bulgaren bei Chefs landen, die selbst aus anderen Ländern stammen. Manche helfen den Neuankömmlingen, im deutschen Alltag Fuß zu fassen. Manche tun nur so. „Es ist eine Grauzone aus Hilfe, Schlepperei und Ausbeutung“, sagt Christiane Tursi. Wer dabei welche Rolle spielt, hängt nicht von Nationalität oder Herkunft ab, sondern vor allem vom rechtlichen und wirtschaftlichen Status der Arbeitgeber: Viele Chefs, die Tagelöhner beschäftigen, dienen als Subunternehmer selbst einem größeren Auftraggeber. Wer ums Gesetz herumkommen will, um Kosten zu sparen, findet leicht einen Weg, sagt Christiane Tursi. „Die, die ausbeuten können, beuten aus. Aber wer am Ende den Profit abschöpft, ist noch mal eine andere Frage.“

Beim Arbeitgeber-Service von Jobcenter und Arbeitsagentur gibt es für Chefs, die ihre Arbeiter ausbeuten, eine schwarze Liste. „Solche unredlichen Arbeitgeber versorgen wir nicht mit Informationen – und schon gar nicht mit Menschen“, sagt Marina Marquardt, Sprecherin der Agentur für Arbeit. Doch wie erfahren die Jobvermittler, wer die schwarzen Schafe sind? „Manchmal durch Zufall“, sagt Marina Marquardt. Wenn Ratsuchende einen Arbeitsvertrag mitbringen, der rechtlich nicht in Ordnung ist, können die Fachleute sie aufklären und helfen, einen besseren Job zu finden. Auch deshalb ist der Arbeitgeber-Service als einer der größten Mitveranstalter auf dem Rotenhäuser Feld mit einem Stand dabei.

„Wir dachten, wir kommen mit einem Dolmetscher aus“, sagt Teamleiter Franz Weber vom Arbeitgeber-Service Hamburg-Mitte. Am Ende waren es bis zu vier Personen gleichzeitig, die teils spontan als Übersetzer einsprangen. Zum Fest kamen 600 bis 700 Leute, etwa jeder zehnte suchte Rat am Stand des gemeinsamen Service von Arbeitsagentur und Jobcenter. Drei Themen seien dabei immer wieder zur Sprache gekommen, sagt Franz Weber: Abzocke bei „Hilfe“ im Kontakt mit Ämtern, Abzocke bei der Miete und fehlende Anerkennung von Ausbildung und Qualifikation. „Viele haben in ihrer Heimat studiert und arbeiten dann hier in der Gebäudereinigung oder als Lageraushilfen“, erzählt er. Zudem sei ein regelrechter Markt entstanden, auf dem selbsternannte Berater ihre Dienste beim Ausfüllen von Antragsformularen oder bei Behördenfragen anbieten. „Diese 'Hilfestellung' kostet dann 200 Euro“, sagt Franz Weber. Dass sie weder legal noch vertrauenswürdig ist, wissen viele erst hinterher. Auch die Geschichte von Alev K., der für 200 Euro pro Mann mit fünf anderen eine Behausung teilen musste, hat er an seinem Stand in etlichen Varianten gehört. „200 Euro, das scheint der feste Tarif zu sein“, sagt er. Wer Geld machen will, bringt möglichst viele auf einmal unter.

Nicht nur an seinem Stand, auch beim Verein Arbeit und Leben, bei Verikom, bei Beruf und Integration Hamburg-Süd, beim Team des Westends und vielen anderen Infoständen bemühen sich die Berater um Aufklärung und Hilfe zur Selbsthilfe. Doch manche, die zu Franz Weber kommen, wollen einfach ihre Geschichte loswerden – die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland haben sie schon aufgegeben. „Ich kann das gut verstehen“, sagt der Fachmann. Schon die deutsche Behördensprache sei für viele ein unüberwindbares Hindernis.

Umso wichtiger sei es, die Menschen aufzusuchen und mit vereinten Kräften zu helfen, sagt Marina Marquardt. „Wir möchten, dass die Menschen hier in Würde leben und arbeiten“, erklärt Sönke Fock, der Chef der Arbeitsagentur, in einer Ansprache. „Langfristig wollen wir, dass Bulgarinnen und Bulgaren legal erwerbstätig sind und ihre Kinder eine gute Chance haben, gemeinsam mit ihren Eltern Hamburg und Wilhelmsburg als neue Heimat zu lieben.“ Daran wollen 27 Vereine und Institutionen auf dem Nachbarschaftsfest mitwirken: Beratungsstellen von der Elbinsel, Jugendhilfe, muslimische und orthodoxe Gemeinden, staatliche Institutionen aus Hamburg, der Bundesrepublik und der Republik Bulgarien. Die Bezirksversammlung gab Geld dazu, ebenso der Sanierungsbeirat Südliches Reiherstiegviertel. Auch der Honorargeneralkonsul der Republik Bulgarien in Norddeutschland, Gerd-Winand Imeyer, spricht auf dem Rotenhäuser Feld ein Grußwort. Er entschuldigte den Staatsrat der Arbeitsbehörde Jan Pörksen, der leider verhindert sei, und lobte das Engagement der Arbeitsagentur und des Vereins Arbeit und Leben, die den Stein ins Rollen gebracht haben.

„Das ist der erste Ort, wo alle bulgarischen Institutionen in Hamburg zusammenkommen“, sagt Ana Sturm. Die Bulgarin begleitet die Tanzgruppe „Zdravec“, die bei dem Fest in bunten Trachten bulgarische Volkstänze aufführt. „Außerdem sind wir mit der orthodoxen Kirchengemeinde hier“, sagt sie. Anlässlich des Feiertages ihrer Schutzpatrone Kyrill und Methodius will die Gemeinde Werbung machen – nicht nur für die Völkerverständigung, die die Heiligen als Hüter des kyrillischen Alphabets symbolisieren, sondern auch für den Bau oder Kauf eines eigenen Gotteshauses. „Es gibt ja in Hamburg auch eine Gemeinschaft von etablierten, arrivierten Bulgaren“, bekräftigt Rüdiger Winter von Arbeit und Leben. Das sollte bei allen Nöten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt dürfe nicht vergessen werden. Auch dazu sei das Fest auf dem Rotenhäuser Feld gedacht: „Wir wollen die bulgarische Gemeinschaft in Hamburg stärken.“

von Annabel Trautwein

 

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ein Kommentar zu добре дошъл! Bulgaren werben für Respekt

  • iglooh  sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    Vor einiger Zeit gab es bereits einen interessanten Artikel im Stern über solche Menschen wie Alev K. bzw. über den Arbeiterstrich in Veddel am Bahnhof.

    Mich persönlich berühren solche Schicksale sehr und ich bin dankbar, dass ich diese Nöte und Ausbeutung nicht ertragen muss. Umso mehr ich über solche Menschen oder aber auch über Arbeitnehmer die bei fragwürdigen Zeitarbeitsfirmen "beschäftigt" sind lese bzw. erfahre, umso dankbarer bin ich, dass ich das Glück habe, einer geregelten Arbeit in einem sicheren und geregeltem Umfeld nachgehen zu dürfen. Jeder, der heutzutage in einem Betrieb arbeitet, der sich noch voll und ganz an tarifliche Vorgaben und vor allem an "soziale Verantwortung" hält, sollte sich glücklich schätzen. Ich selbst darf Danke sagen, dass es bei mir so ist.

    Des Weiteren bin ich Dankbar, dass ich in einem Bezirk wie Wilhelmsburg leben darf, wo ausnahmslos Jeder, egal welcher Nation, egal welcher Sprache, egal welcher Religion, einigermaßen akzeptiert und nicht vorverurteilt wird.

    Leider erfahre ich erst jetzt im Nachhinein von diesem Fest. Gerne wäre ich als "Deutscher" gekommen und hätte sehr gerne wieder etwas mehr über eine andere Kultur gelernt.

    Zum Glück gibt es in Wilhelmsburg aber auch weiterhin viele andere Anlässe sich näher kennenzulernen.

    Danke Wilhelmsburg Online wo ich schon lange mitlese aber noch nie etwas geschrieben habe und Danke liebe Wilhelmsburger egal welcher Nation für unser angenehmes Miteinander!

    Ich selbst würde mich durchaus zu den "Reformern" zählen, die sich so manche Veränderung innerhalb von Wilhelmsburg wünschen und befürworten. Aber eines möge Bitteschön immer gleich bleiben. Die kulturelle Vielfallt bei uns!

    Liebe Grüße – iglooh

    P.S. Leider passt nicht wirklich alles zu diesem Artikel, aber mir war es ein Bedürfnis, dies in diesem Zusammenhang los zu werden.

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