Muslime wünschen sich Waschhaus in Finkenriek

Bayram Inan und Mustafa Yasar auf dem Friedhof Finkenriek (Large)

In Wilhelmsburg leben, in Wilhelmsburg begraben werden – diesen Wunsch hegen auch viele muslimische Inselbewohner. Ein Gräberfeld für Bestattungen nach islamischem Ritus gibt es auf dem Friedhof Finkenriek. Doch ein Waschhaus fehlt noch. Seit 2010 setzen sich Gläubige und Politiker dafür ein, dass verstorbene Muslime künftig an Ort und Stelle für die Bestattung gereinigt werden können. Schon zweimal hat der Regionalausschuss dem Vorschlag zugestimmt, aber aus Sicht der Bezirksverwaltung besteht kein Bedarf. Nun wollen Mustafa Yaşar, Gründungsvorsitzender der Gemeinde am Korallusring, und der Grünen-Politiker Bayram Inan das Bauvorhaben erneut auf die Tagesordnung setzen.

In sechs Jahren nur 16 muslimische Bestattungen in Finkenriek, und nie hätten Angehörige oder Bestatter nach einem Waschhaus gefragt, heißt es in der bisher letzten Stellungnahme des Fachamts Management des öffentlichen Raumes im Bezirk Mitte. Die Kosten für den Bau würden sicherlich den Rahmen sprengen, vermuteten die Verwaltungsfachleute im Juni 2012. Zudem hätten die muslimischen Bestatter genug Räume zur Verfügung, um Verstorbene auf die Grablegung vorzubereiten. Fazit: Wilhelmsburg braucht kein muslimisches Waschhaus auf dem Friedhof.

Das sieht Mustafa Yaşar anders. Wer heute in Wilhelmsburg einen muslimischen Angehörigen bestatten lassen möchte, müsse den Leichnam zuerst nach Öjendorf oder Bergedorf transportieren lassen, sagt er. Auf den dortigen Friedhöfen gibt es Waschhäuser für muslimische Bestattungen. Doch die Hin- und Rückfahrt mit dem Bestattungsunternehmen kostet die Angehörigen zusätzlich Geld und Nerven. Nach islamischem Brauch sollte ein verstorbener Muslim binnen 24 Stunden beerdigt sein – mit dem Gesicht Richtung Mekka, eingewickelt in weißes Leinentuch und nach islamischem Ritus gepflegt. „Die Gebetswaschung ist wichtig, damit der Tote bei der Auferstehung gereinigt ist“, erklärt Mustafa Yaşar. Der Wilhelmsburger ist überzeugt: Mit einem Waschhaus in Finkenriek bliebe muslimischen Trauernden eine Menge Stress erspart.

Viele kommen, um zu bleiben

Etwa 17.000 bis 18.000 Muslime leben in Wilhelmsburg, schätzt der Lokalpolitiker Bayram Inan. Die meisten stammen aus der Türkei, doch auf den Steinen im muslimischen Gräberfeld in Finkenriek stehen auch arabische, pakistanische, deutsche und aserbaidschanische Namen. „Es findet ein Wandel in der Gesellschaft statt“, sagt Bayram Inan. Während die erste Generation muslimischer Einwanderer noch zumeist im Heimatland die letzte Ruhe finden wollte, fühlten sich viele der zweiten und dritten Generation so heimisch in Deutschland, dass sie auch hier beerdigt werden möchten. Der Politiker spricht aus eigener Erfahrung: Fast seine ganze Familie ist in Wilhelmsburg zu Hause, von acht Geschwistern lebt nur eine Schwester in Istanbul. „Die Türkei ist ein Urlaubsland für mich“, sagt Bayram Inan.

Nun will er das Thema Waschhaus erneut auf die politische Tagesordnung setzen. 2010 unternahm er mit seiner damaligen Fraktion, der SPD, den ersten Anlauf im Regionalausschuss. Der Ausschuss stimmte zu, nur die CDU-Fraktion enthielt sich. Doch geschehen sei nichts, sagt Bayram Inan. Ein Jahr später legte er denselben Antrag wieder vor und wartete ein halbes Jahr, dann kam die Absage aus dem Fachamt. Bayram Inan, der inzwischen für die Grünen Kommunalpolitik macht, gibt sich damit nicht zufrieden. „Wir sind Wilhelmsburger, wir wohnen alle auf der Insel – da müssen wir uns auch um alle Belange kümmern“, sagt er.

"Muslime zahlen auch Steuern"

Eine Baugenehmigung wäre der notwendige erste Schritt, meint Mustafa Yaşar. Platz sei vorhanden in Finkenriek, zudem müsse das Gebäude nicht groß sein – maximal 50 Quadratmeter für zwei Räume mit Strom- und Wasseranschluss. So teuer, wie die Verwaltung fürchte, werde der Bau wohl nicht werden. Außerdem sei das Waschhaus ein öffentliches Anliegen, sagt er: „Wenn es um Gelder geht – die Muslime zahlen hier auch Steuern.“ Stünde das Gebäude einmal da, könnten sich die muslimischen Gruppen gemeinsam um den Betrieb und die Pflege kümmern. „Wir haben ja fünf Gemeinden hier auf der Insel“, sagt Mustafa Yaşar. „Das wäre das geringste Problem.“ Auch er will sich künftig politisch für das Anliegen stark machen: Nachdem er fünf Jahre lang als Quartiersabgeordneter für das Bahnhofsviertel und das Korallusviertel im Stadtteilbeirat Wilhelmsburg aktiv war, will er im Februar für die Bürgerschaft kandidieren.

Auf Landesebene sollte das Anliegen der Wilhelmsburger Muslime zumindest im Grundsatz auf offene Ohren stoßen: Seit mehr als zwei Jahren gilt ein sogenannter Staatsvertrag mit muslimischen Dachverbänden. Als erstes Bundesland bekräftigte Hamburg darin die Rechte freier Religionsausübung und verpflichtete sich, den muslimischen Gemeinden dabei zu helfen. Konkret heißt es: „Die Freie und Hansestadt Hamburg gewährleistet das Recht, auf staatlichen Friedhöfen Bestattungen nach den islamischen religiösen Vorschriften vorzunehmen. Sie stellt hierfür dem Bedarf entsprechende Flächen zur Verfügung.“ Doch dieses Versprechen wollen die beiden Wilhelmsburger noch nicht für bare Münze nehmen – zu schnell ziehe sich die Verwaltung im konkreten Fall zurück, sagt Bayram Inan. Auch Mustafa Yaşar ist enttäuscht: „Es wird noch nicht einmal ein Dialog gesucht.“

von Annabel Trautwein

ein Kommentar zu Muslime wünschen sich Waschhaus in Finkenriek

  • Jutta Kodrzynski  sagt:

    Die Stadt hat sich entschieden ein muslimisches Gräberfeld einzurichten, dann muss auch die Infrastruktur dazu (Waschhaus) errichtet werden. Dies sollte nicht an einem anderen Ort sein, sondern dort wo die Beerdigung stattfindet. Ich möchte mal den christlichen Friedhof sehen der, auch wenn es nur noch wenige Beerdigungen gibt, keine Halle zum Aufbaren und Abschied nehmen hat. Diese Einrichtungen gehören zusammen und es ist unverständlich warum hier auf einmal mit Kosten (die wohl nicht so hoch sein können, argumentiert wird.

     

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