Bücherhalle Wilhelmsburg feiert 111. Geburtstag

Sabine von Eitzen in der Bücherhalle

Seit 111 Jahren ist die Bücherhalle Wilhelmsburg ein Treffpunkt für Leseratten und solche, die es werden wollen. Das will das Team nun mit vielen Freunden aus dem Stadtteil feiern. Seit engagierte Lehrer aus der Fährstraße die „Volksbibliothek zu Wilhelmsburg“ gründeten, ist die Bücherei mit dem Quartier verbunden – so sehr, dass Nachbarinnen und Nachbarn auf die Straße gingen, als 1998 ihre Schließung drohte. Heute hat die Elbinsel als einziger Hamburger Stadtteil zwei Bücherhallen. Und das im angeblich so bildungsschwachen Wilhelmsburg? Die Mischung macht's, sagt Leiterin Sabine von Eitzen. Denn in der Bücherhalle am Vogelhüttendeich geht es um viel mehr als nur Lesestoff.

Geschichten hören, Zeitung lesen, Deutsch üben, ins Internet gehen, mit Nachbarn schnacken oder Bücher ausleihen – für all das ist die Bücherhalle eine feste Adresse im Alltag vieler Reiherstieg-Bewohner. „Wir sind ein Treffpunkt“, sagt Sabine von Eitzen. Mehrmals in der Woche kommen Kinder vorbei, um ehrenamtlichen Vorlesern zuzuhören. Ein Bilderbuch-Kino ist neu im Programm: Dort gibt es Geschichten für Kinder, die mit Illustrationen auf der Leinwand bebildert werden und zum Reden und anschließenden Basteln anregen. Erwachsene Wilhelmsburger ausländischer Herkunft treffen sich in der Bücherhalle zum „Dialog in Deutsch“ – „ein Gesprächskreis für Leute, die ihre Deutschkenntnisse in einer ungezwungenen Atmosphäre verbessern wollen“, sagt die Bibliothekarin. Drei Mal pro Woche bietet die Bücherhalle kostenlos Hausaufgabenhilfe an, zudem üben ehrenamtliche Lehrkräfte mit Grundschulkindern Lesen. „Das funktioniert nur dank des Engagements der Leute aus dem Stadtteil“, erklärt Sabine von Eitzen. Auch deshalb pflegt sie den Kontakt zu Schulen und Kitas auf der Insel. 

Von 84 Büchern zu 16.000 Medien

Dass sich die Bücherhalle für Bildung stark macht, ist für Sabine von Eitzen selbstverständlich. Schon die Gründer der „Volksbibliothek zu Wilhelmsburg“ hatten diesen Anspruch: 1903 machten sie im Lehrerzimmer der Schule in der Fährstraße eine Leihstelle auf, wo auch Erwachsene mit einem „Erlaubnisschein“ für fünf Pfennig einen der 84 Bände ausleihen konnten. Das Angebot richtete sich an die Arbeiter und Handwerker aus der Nachbarschaft. „Volksbildung war der Gedanke“, erklärt Sabine von Eitzen und fügt hinzu: „Es war schon etwas Belehrendes dabei.“ Mehr als ein Jahrhundert später umfasst der Bestand der Bücherhalle Wilhelmsburg knapp 16.000 Medien, die sich vor allem nach dem Bedarf der Nachbarschaft richten – neben Büchern auch Hörbücher, CDs, Filme, Zeitungen und Zeitschriften aus unterschiedlichen Ländern. Der Renner sind zweisprachige Kinderbücher, sagt Sabine von Eitzen: „Die werden ausgeliehen ohne Ende.“ Viele Eltern wollten ihren Kindern auch in ihrer Herkunftssprache vorlesen können, deshalb gibt es in der Kinderbibliothek Bilderbücher in 13 Sprachen. Wer selbst liest, greift dagegen immer häufiger zu deutschen Titeln, sagt die Bibliothekarin. „Sobald die Kinder in der Schule sind, lesen die auf Deutsch.“

Vor rund 30 Jahren schon war der Lesestoff der Bücherhalle begehrt, erzählt ein Wilhelmsburger mit Bart und Häkelmütze. Er ist heute 35 und kennt die Bücherhalle noch aus der Veringstraße. „Ich habe viel Jules Verne gelesen – 'Die Reise zum Mittelpunkt der Erde' zum Beispiel“, sagt er. „Und im Kindesalter natürlich 'Fünf Freunde' und andere Abenteuerbücher.“ Für seinen Vater habe er auch ab und zu türkische Bücher ausgeliehen, denn zu Hause wurde nur Türkisch gesprochen. Die Geschichten aus der Bücherhalle habe er mit seinem Bruder um die Wette gelesen, erzählt er. Wer die meisten Seiten pro Tag verschlang, war Sieger. Heute ist er überzeugt: Ohne das Lesen hätte er es nicht ans KiWi, das heutige Helmut-Schmidt-Gymnasium, geschafft. „Damals war es sehr schwer, eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen“, erzählt der Mann. Den Besuch in der Bücherhalle hat er beibehalten. Heute interessieren ihn vor allem die Zeitungen und Nachrichtenmagazine, deutsche und türkische. „Was man sich in jungen Jahren zur Gewohnheit macht, das bleibt auch“, erklärt er.

Wandel im Bücherregal

„Es gibt etliche junge Eltern, die als Kinder hier waren und jetzt selbst mit ihren Kindern kommen“, sagt Marita Kirchhoff. Seit 1976 arbeitet sie in der Bücherhalle, als Dienstälteste im Team. Die Bibliothekarinnen bemerken den Wandel Wilhelmsburgs auch an der Ausleihe: Kinderbuch-Klassiker wie Pippi Langstrumpf oder der Kleine Wassermann erleben eine Renaissance, seit mehr Eltern im Stadtteil wohnen, die selbst damit aufgewachsen sind, sagt Sabine von Eitzen. Sachbücher zu Themen wie Politik oder Wirtschaft, die früher üblicherweise von Schülern nachgefragt wurden, schwinden nach und nach aus dem Bestand – „das wird heute alles übers Internet abgedeckt“, erklärt die Bücherhallen-Leiterin. Dafür sind Sachbücher über Handarbeit oder kreative Hobbies im Kommen, ebenso wie Reiseführer. „Da hat sich vor fünf Jahren keiner für interessiert“, sagt Sabine von Eitzen.

Der Wandel des Stadtteils, widergespiegelt im Bücherregal – darum geht es auch bei der „musikalischen und literarischen Zeitreise durch 11 Jahrzehnte Elbinselgeschichte“, die am Freitagabend zur Feier des Jahrestages in der Bücherhalle startet. Der Vorleser Marco Moreno und die Musiker Ulrich Kodjo Wendt und Arne Theophil bieten eigens zum Bücherhallen-Geburtstag eine Revue dar, die die Geschichte der Bibliothek mit der Geschichte der Elbinsel-Gesellschaft verknüpft. Dazu gibt es eine Bilderschau mit Aufnahmen aus den Jahren 1903 bis 1920, die das Museum Elbinsel Wilhelmsburg beiträgt. Am Montag geht das Fest für die jüngeren Leser weiter: Um 16 Uhr steigt die Geburtstagsparty der Bücherhalle auf dem Stübenplatz. Beim Malwettbewerb und einer Rallye durch die Bücherei können Kinder Preise gewinnen. Um 17 Uhr steigen mehr als 100 Luftballons zum Weitflug-Wettbewerb von der Elbinsel auf, mit Karten dran, auf denen die Finder der Ballons sich zurückmelden können – natürlich aus möglichst weiter Ferne. 

von Annabel Trautwein

 

Termine zum Fest:

Freitag, 29. August, 19 Uhr: „111 Jahre Bücherhalle Wilhelmsburg – eine musikalische und literarische Zeitreise durch 11 Jahrzehnte Elbinselgeschichte“, Bücherhalle Wilhelmsburg (Vogelhüttendeich 45).

Montag, 1. September, 16 bis 18 Uhr: Großes Geburtstagsfest für Kinder auf dem Stübenplatz.

 

Wer mehr über die Geschichte der Bücherhalle Wilhelmsburg wissen will, kann hier nachlesen.

 

 

 

 

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