Was soll das heißen – Dschihad?

Jihad Head

Islamfeindliche Protestzüge, Terror im Namen der Religion – für viele muslimische Jugendliche in Wilhelmsburg sind das mehr als Schlagzeilen. Die aktuellen Debatten betreffen sie persönlich. Sie brauchen eine Antwort, wenn andere den Islam pauschal verurteilen. Was bedeutet es für sie, ein guter Muslim, eine gute Muslima zu sein? Welche Botschaft erkennen sie selbst im Koran? Und wohin führt sie ihr Dschihad? Ein junges Ensemble aus Wilhelmsburg brachte am Montag Fragen und Antworten auf die Bühne.

„Djihad is killing people!“ „Djihad is not killing people!“ „Ich habe Sie nicht verstanden.“ Acht junge Menschen schubsen sich über die Bühne im Bürgerhaus Wilhelmsburg, ihre Stimmen schwellen an, Aggression liegt in der Luft. Vor wenigen Sekunden hat noch einer von ihnen zur Klaviermusik den muslimischen Poeten Rumi rezitiert. So schnell kann's gehen, wenn Glaube, Gefühle und die Suche nach dem Sinn des Lebens zum Politikum werden.

Sinnsuche mit Herz und Verstand

Was bedeutet Dschihad? Wörtlich übersetzt heißt es „Bemühung“ oder „Einsatz“ – die Schauspielerinnen und Schauspieler des Bühnenstücks „Djihad für die Liebe“ finden dazu ihre eigenen Antworten. „Was nützt es mir denn, jeden Tag den Koran zu lesen, fünf Mal am Tag zu beten, nach Mekka zu fahren, wenn ich mir über den Sinn und die Bedeutung gar keine Gedanken mache?“, fragt Zeynep in den Saal. „Damit meine ich, dass ich nicht nur den Koran auswendig lernen sollte, sondern mein Dschihad ist es, zu versuchen, ihn zu verstehen.“ Beim Glauben kommt es also nicht nur darauf an, die Vorschriften Gottes blind zu befolgen. Es geht um Sinnsuche mit Herz und Verstand. So sehen es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der Bühne, so steht es in den Versen und heiligen Schriften, die sie ausgewählt haben: „Allahs Gesandter sagte nach Bukhari überliefert: Der Starke erweist sich nicht im Ringkampf, sondern stark ist, wer sich selbst im Zorn bezwingt“, zitiert Nupelda.

Die Suche nach Gott und Glauben ist nicht nur für die Schüler der Nelson-Mandela-Schule wichtig, die hier auf der Bühne stehen oder zu hunderten die Stuhlreihen im großen Saal füllen. In ganz Wilhelmsburg sind diese Fragen für muslimische Jugendliche entscheidend – gerade angesichts der Terroranschläge in Frankreich und der Debatten, die daraus entbrennen. „Das ist einfach nah dran an den Schülern“, erklärt Tim Meyn, Fachlehrer für Gesellschaft an der Stadtteilschule Wilhelmsburg. Die Kinder und Jugendliche an seiner Schule, vorwiegend Muslime, sind gerade eine Projektwoche gestartet. Thema: islamische Jugendkultur. „Wir wollen Wertekonflikte aufarbeiten und Wege aufzeigen, sie zu lösen“, erklärt Tim Meyn. Dass es diese Konflikte gebe, sei in einer vielfältigen Gesellschaft völlig normal – wichtig sei nur, dass sie auch zur Sprache kommen. „Es gibt schon Schüler, die sagen, die Attentäter in Paris hätten für sie den Propheten gerächt. Da sind wir gleich drin in der Diskussion“, sagt der Gesellschaftslehrer.

Koran-Verse gegen den Terror

Auch im Bürgerhaus sind die Attentate nach den Mohammed-Karikaturen des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ ein Thema. „Was sagt ihr dazu?“, will ein Schüler aus dem Publikum von den Schauspielern wissen. Jonathan findet die Debatte übertrieben. „Leute, chillt euer Leben! Das sind ein paar blöde Kritzeleien“, meint er. Als Nicht-Muslim kann der Musiker leichter über den Spott der Karikaturisten hinwegsehen – Schauspieler Reza dagegen empfindet die Bilder schon als Beleidigung. Dennoch sind sich alle einig: Die Attentäter haben zwar Gottes Namen gerufen, aber nicht in seinem Sinne gehandelt. „Wenn man einen Menschen umbringt, ist es so, als würde man die gesamte Menschheit umbringen“, zitiert die Jura-Studentin Zeynep sinngemäß aus dem Koran. „Und wenn man einen Menschen rettet, ist es so, als habe man die gesamte Menschheit gerettet.“

Imam Abu Ahmed Jakobi vom Dachverband Schura sieht es auch so – doch Koranvers gegen Koranvers auszuspielen reicht seiner Ansicht nach nicht. „Da ist noch ein anderer Aspekt“, erläutert er den Schülern im Bürgerhaus. Die beiden Attentäter von Paris seien als Kinder einer algerischen Familie in Frankreich aufgewachsen und in vernachlässigten Stadtrand-Siedlungen groß geworden. Sie hätten Armut und Gewalt erlebt und viele Zukunftsträume platzen sehen. „Das ist auch eine Perspektivlosigkeit, aus der Wut entsteht“, erläutert der muslimische Geistliche. Applaus brandet auf, als er sagt: „Es geht eigentlich nicht um den Propheten. Sie sehen sich selbst in dieser Karikatur.“

Sie sei sehr glücklich über die Frage nach den Attentaten, sagt Regisseurin Irinell Ruf. Die Vorstellung im Bürgerhaus ist die erste nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ – nun sei es umso wichtiger, Glaubensfragen und Meinungsverschiedenheiten offen zu diskutieren. Dazu soll auch „Djihad für die Liebe“ weiterhin anregen. Das Ensemble will damit durch alle Hamburger Stadtteile touren. Möglich macht das die Unterstützung des muslimischen Dachverbands Schura und der Hamburger Sozialbehörde.

von Annabel Trautwein

 

2 Kommentare zu Was soll das heißen – Dschihad?

  • Jay  sagt:

    Super Artikel, super Projekt!

  • Klaus Lübke  sagt:

    Möglich macht das Projekt auch die Förderung aus Stadtteilkulturmitteln der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte. 

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