Interkultureller Garten startet in die neunte Saison

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Der interkulturelle Garten Wilhelmsburg ist in die neunte Saison gestartet. Mehr als 30 Erwachsene und ein ganzer Schwung Kinder aus mehr als zehn Nationen setzen im Park am Veringkanal ihre grünen Daumen ein, um das interkulturelle Paradies auch in diesem Jahr gemeinschaftlich wieder aufblühen zu lassen. Bohnen, Zwiebeln, Blumen, Erdbeeren, Kartoffeln, Lauch oder Kürbis: Alles darf gepflanzt werden. Der Andrang auf die jeweils zweieinhalb mal sechs Meter großen Beete ist ungebrochen. Es wird zusammen gelacht, gearbeitet, auch mal gestritten und wieder gelacht, wie Gründungsmitglied Helga die Atmosphäre beschreibt. Die gleichberechtigte Gemeinschaft steht hier im Mittelpunkt. Der Verein versteht sich als Begegnungsstätte von Menschen unterschiedlicher Nationen, Kulturen, Religionen, Sprachen und Arbeitsweisen. Und die Vereinsmitglieder berichten über interkulturelle Verständigung, Pflanzenräuber und Pläne für die neue Saison.

Die Hobbygärtner achten darauf, nicht mehr als ein Drittel der Beete an Menschen aus derselben Nation zu vergeben. Der Garten soll schließlich interkulturell sein. „Wenn du weder deutsch noch türkisch bist dann hast du einigermaßen Aussicht, in den nächsten Jahren ein Beet zu bekommen. Die Deutschen- und die Türkenquote ist erfüllt“, sagt Helga und lächelt. „Aber wir haben eine Warteliste.“ Mit dabei sind Menschen aus dem Iran, Libyen, Ägypten, Kroatien, Polen, Portugal, Nord- und Südamerika, Österreich und weiteren Nationen. „Aber das wechselt auch mal. Längst nicht jeder hat ein eigenes Beet. „Es gibt auch einfach Menschen, die haben Spaß daran, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen“, sagt Helga. „Manche bringen ihre Nachbarn mit.“ Von Kleinkindern über Studenten, junge Familien und Großeltern sind alle Altersgruppen vertreten.

Monika hat zwei Jahre auf ihr Beet gewartet und ist seit drei Jahren dabei, mittlerweile auch als Vorstandsmitglied. „Es macht Spaß, Leute kennenzulernen, mit denen ich relativ offen reden kann über ihre Kultur. Menschen, die offen sind, habe die Möglichkeit, in Austausch zu kommen. Für mich ist das der Sinn des Gartens“, sagt die Wilhelmsburgerin. „Viele kannte ich vom Sehen. Hier kannst du sie näher kennenlernen.“ Manche aber eben auch nicht. „Es gibt auch, welche, die machen ihr Beet und reden kein Wort“, fügt sie an.

Mal raus an die frische Luft, der Wohnung den Rücken zukehren und den Kindern zeigen, wie Gemüse wächst, diese Gründe ziehen Ramona in den interkulturellen Garten. „Unsere Tochter hat eine eigene Ecke im Beet, da kann sie selbst ernten“, sagt die junge Mutter.

Grillen, streiten, feiern

Keiner von denen, die ein eigenes Beet im interkulturellen Garten betreuen, hat einen eigenen Garten. Das ist eine der Bedingungen, um hier pflanzen zu dürfen. Dafür zahlen die Vereinsmitglieder 20 Euro Jahresgebühr. Davon wird dann auch mal der Regenschutz für die Sitzecke repariert oder Holzkohle für den Grill angeschafft. Einmal im Monat treffen sich alle, um gemeinsame Themen zu besprechen. Auch im Winter, so reißt der Kontakt nicht ab. Streitigkeiten? Die gibt es auch unter den Gartenfreunden. Themen à la „Mein Beet ist zu klein, zu schlecht, zu trocken ich will deins“, wie Helga augenzwinkernd erläutert.

Wenn in der gemeinschaftlichen Sitzecke selbstgebackene Kuchen und belegte Brote ausgepackt, Tee und Kaffee ausgeschenkt werden, herrscht jedenfalls wieder Harmonie. Feste und Veranstaltungen bereichern das Vereinsleben. Die Stimmung ist entspannt. Man duzt sich. Der Grill steht zum Einsatz bereit. Die Gärtner haben ihre Beete für den Frühling gerüstet, Unkraut gejätet, die Bohnenstangen vom vergangenen Jahr entfernt und den Kompost sortiert.

Jeden Sonntag ist der interkulturelle Garten ab 15 Uhr für interessierte Besucher geöffnet. Im Sommer könne es dann schon mal vorkommen, dass ganze Radwandergruppen an der grünen Oase stoppen. „Es passiert auch, dass Leute Emails schreiben und dann mit einer Gruppe schwedischer Architekten eine Führung machen wollen“, sagt Helga. Die interkulturellen Gärtner zeigen gern, was sie haben.

Unbekannte ernten über Nacht

Einziger Knackpunkt: Was die Gruppe im interkulturellen Garten kreiert, wird nicht von jedem respektiert. „Es kommen echt Leute her und graben ganze Pflanzen aus.“ Die Kletterhortensie, die die Vereinsmitglieder pflanzten, verschwand über Nacht. Gemüse wird von Fremden geerntet. „Es ist ein immerwährendes Thema, dass Sachen verschwinden“, sagt Helga. Ein Weidenzaun rahmt das Gelände ein. 2008 habe es keinen gegeben, weil der Wanderweg angelegt wurde. In dem Jahr hätten sie keine einzige angepflanzte Erdbeere selbst gegessen. „Es ist einfach unrealistisch ohne Zaun“, sagt Helga. Und auch der schütze nicht vor Pflanzendieben.

Das Grundstück auf dem Gelände eines ehemaligen Deichverteidigungslagers hat die Stadt Hamburg dem Verein 2006 kostenlos zur Verfügung gestellt. Ob sie dort bleiben dürfen? „Uns hat noch nie jemand was getan. Die öffentlichen Stellen finden uns alle gut“, so Helga. Und als Bauland für neue Wohnhäuser eigne sich die Fläche nicht. Unterstützung habe der Bezirk Mitte auch für den Plan des Vereins zugesagt, die Hochbeete, die 2013 gemeinsam mit Schülern der Bonifatiusschule auf dem Gelände der Internationalen Gartenschau (IGS) angelegt wurden, Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. „Die Idee der interkulturellen Gärten ist ursprünglich als Flüchtlingsprojekt in Göttingen entstanden. Damit gehen wir wieder an die Ursprünge zurück“, erläutert Helga. Nach Ostern ist ein Spaziergang mit Flüchtlingen zum ehemaligen IGS-Gelände geplant, um ihnen die Beete zu zeigen. „Integration ist der Grund warum ich hier bin“, sagt auch Gründungsmitglied Frauke. So ständen die Hobbygärtner auch hinter einem Tanzprojekt für Flüchtlinge, das aus der Veranstaltung "FolkTanzWirbel" entstanden sei. Diese Veranstaltung fand im vergangenen Sommer am interkulturellen Garten statt.

von Janina Jankowski

 

Tipp:

Für alle Interessierten ist zudem ein Frühlingsfest mit kleinem Pflanzenmarkt am Sonntag, 26. April, geplant. Am Nachmittag wird dann im interkulturellen Garten gefeiert. Weitere Infos gibt es unter www.interkgarten.de

 

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