Lesung mit Stargast: Erinnerung an Dursun Akçam

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Nachbarschaftsgeschichten, Lieder auf Deutsch und Türkisch und ein Stargast mit türkischem Namen, bekannt aus der beliebtesten Krimireihe des deutschen Fernsehens – der Abend in der Bücherhalle Wilhelmsburg hätte Dursun Akçam sicher gefallen. Zwischen den Bücherregalen lag früher seine Wirkungsstätte: Hier half der türkische Exilschriftsteller und Journalist ausländischen Kindern, in der Fremde heimisch zu werden, warb für Toleranz und Menschlichkeit. In seinen eigenen Büchern erzählt Dursun Akçam von einer Zeit, in der Rassismus in Wilhelmsburg als normal galt und deutsche und türkische Nachbarn sich misstrauisch beäugten. Gut 20 Jahre später lacht das Publikum in der Bücherhalle über den feinsinnigen Humor des Erzählers, dem der Schauspieler und „Tatort“-Darsteller Fahri Yardım als Vorleser seine Stimme leiht. Der unverkrampfte Blick auf den Kulturschock vor der Haustür tut heute noch gut – nicht nur deshalb soll einer der schönsten Uferwege des Reiherstiegviertels bald Dursun Akçams Namen tragen.

Die Sache mit dem Dursun-Akçam-Ufer am Veringkanal ist noch nicht beschlossen, aber am Freitagabend in der Bücherhalle Wilhelmsburg sind alle dafür – allen voran Marco Moreno, der gemeinsam mit Bibliothekarin Sabine von Eitzen zur Dursun-Akçam-Lesung eingeladen hat. Mit Eifer erzählt er vom Leben und Wirken des türkischen Aufklärers in Wilhelmsburg: von dessen Mitgefühl für die ausländischen Kinder in der Vorlesestunde, die hin- und hergerissen waren zwischen den Traditionen ihrer Elternhäuser, den Erwartungen ihrer Lehrer und der latenten Aggression in der Nachbarschaft. Er berichtet von Dursun Akçams Solidarität mit den „Schwarzköpfen“, die das Arbeitsamt systematisch ausgrenzte. Marco Moreno schildert den Alltagsrassismus 80er und 90er Jahre in Wilhelmsburg aus eigener Erfahrung. Auch er sei damals als Sohn eines spanischen Einwanderers in einigen Geschäften der Elbinsel nicht bedient worden. Sein Frisör spottete über sein dunkles krauses Haar und an den Hauswänden prangten Hakenkreuze. Die Leidenschaft in Marco Morenos Stimme, der Detailreichtum seines Berichts machen deutlich: Dass Dursun Akçam in Wilhelmsburg Ehre erfährt, ist ihm auch ein persönliches Anliegen.

Es hätte ein ernster Abend werden können angesichts dieses Rückblicks, wäre da nicht der leise Spott in der Stimme des Erzählers und das Kichern über die bornierten Deutschen im mehrheitlich deutschstämmigen Publikum. Auch die Musiker Ulrich Kodjo Wendt und Arne Theophil lassen nach einem getragenen Lied – „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus“ – Melancholie und Wehmut beiseite und schmettern lieber moderne Filmmusik mit türkischem Text, spontan unterstützt von einer türkischstämmigen Wilhelmsburgerin aus dem Publikum.

Türken und Deutsche in Wilhelmsburg: Erstkontakt mit Hindernissen

Den tiefgründigsten Humor jedoch beweist Dursun Akçam selbst: In seinem Buch „Deutsches Heim, Glück allein – Wie die Türken die Deutschen sehen“ lässt der Autor Landsleute zu Wort kommen, die ihre neue Heimat mindestens so befremdlich finden wie die Deutschen sie. Verblüfft verfolgen sie mit, welchen Spionageaufwand die deutschen Nachbarn betreiben, nur um sie einer Ordnungswidrigkeit zu überführen. Die Alte aus dem Obergeschoss, der Vermieter, die Polizei – alle scheinen von den Türken stets das schlimmste zu erwarten. In den Augen der türkischen Frauen und Männer in Dursun Akçams Buch sind zunächst alle Deutschen schroffe Miesepeter, deren einzige Leidenschaft darin zu bestehen scheint, andere zu maßregeln. Also stellen sich die Zugereisten darauf ein: Schleichen mit angehaltenem Atem durchs Treppenhaus, die Schuhe in der Hand. Schlucken ihren Ärger hinunter, wenn die deutsche Nachbarin die selbst gekochten türkischen Leckereien dankend annimmt und dann die Tür zuschlägt. Und wenn das Arbeitsamt schwarzhaarige Bewerber nicht haben will, greifen sie eben zum Bleichmittel.

"Tatort"-Darsteller Fahri Yardım: "Wilhelmsburg galt als Gebiet, das man meidet"

Vorleser Fahri Yardım, den die meisten als Till Schweigers Kollegen aus dem Hamburger „Tatort“ kennen, muss bei der Fülle der Klischees und Vorurteile selbst lachen. Das Wilhelmsburg der damaligen Zeit hat der 1980 geborene Schauspieler nur am Rande miterlebt: Er wohnte zwar in Harburg und seine Eltern arbeiteten auf der Insel, aber lange traute er sich nicht rüber. „Als Kind hätte ich zu viel Schiss gehabt“, erzählt er nach der Lesung im Gespräch mit WilhelmsburgOnline.de. „Wilhelmsburg war lange das dunkle Gebiet, das man meidet – auch als Harburger.“ Erst als er beim ESV Einigkeit Fußball spielte und in Wilhelmsburg Freunde fand, wandelte sich das Bild. „Der Kontakt hat die Vorurteile abgeschafft – auch meine“, sagt er.

Dursun Akçam lernte er damals nicht kennen. Seine Mutter Güler Akpinar jedoch war gut mit ihm bekannt und lobt ihn heute noch als „Aufklärer im klassisch westlichen Sinn“, wie sie in ihrer Stellungnahme zur geplanten Widmung des Kanalufers schreibt. Um dem Kulturabend zu Dursun Akçams Ehren noch zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, bat sie ihren prominenten Sohn um seine Stimme als Vorleser – und der sagte zu, denn, wie er dem Publikum in der Bücherhalle versichert: „Meine Mutter hat mich gerufen, und da kann ich nicht Nein sagen.“ Meistens müsse er bei Einladungen zu kleineren Veranstaltungen passen, sagt Fahri Yardım. „Aber hier gibt es eine Herzensverbindung.“ Sein Beruf bringe nun einmal viel Aufmerksamkeit mit sich. „Warum sollte ich die nicht auch mal verschieben an stellen, wo es hingehört?“

von Annabel Trautwein

 

Preis für Toleranz und Demokratie

Auch nach Dursun Akçams Zeit macht sich die Bücherhalle Wilhelmsburg für die Chancengleichheit von Kindern unterschiedlicher Herkunft stark. Dafür ist sie nun gleich zweifach ausgezeichnet worden: mit dem Preis für Toleranz und Demokratie, den das Bundesinnenministerium für Projekte in ganz Deutschland vergibt, und mit dem Stadtteilpreis der Hamburger Morgenpost und der PSD Bank Nord. Überzeugt hat die Bücherhalle Wilhelmsburg mit ihrem „Lesetraining Wilhelmsburg“. Hier können Kinder mit persönlichen Betreuern Lesen üben, wenn sie trotz Schulunterricht Schwierigkeiten damit haben oder viele Wörter nicht kennen.

 

2 Kommentare zu Lesung mit Stargast: Erinnerung an Dursun Akçam

  • Felge  sagt:

    Findet das Event in irgendeiner Art und Weise nochmal statt? Habe erst durch diesen Artikel davon erfahren und bin begeistert! So viele offene Fragen!

    Nebenbei: Ihr macht einen großartigen Job! Sollte es, was ich nicht hoffe, soweit kommen wie bei den Prenzlauern, bin ich auf jeden Fall mit dabei! Auch wenn es 10€ im Monat sind! Weiter so!

    • WilhelmsburgOnline.de  sagt:

      Hallo Felge, vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob!
      Der Dursun-Akçam-Abend war wohl eine einmalige Sache, aber noch ist das Vorhaben zur Widmung des Kanalufers ja nicht durch – möglicherweise folgen da noch Veranstaltungen. Sobald wir davon hören, geben wir gern vorab Bescheid. Das Buch von Dursun Akçam ist übrigens auch im Wilhelmsburger Buchhandel erhältlich, falls dich die Neugier gepackt hat 🙂
      Und nebenbei: Auch wir hoffen inständig, dass wir nicht eines Tages auf feste Beiträge angewiesen sind wie die Kollegen der Prenzlauer Berg Nachrichten. Unser Solidaritäts-Modell passt ja auch viel besser zu Wilhelmsburg: Wer uns unterstützen will, lässt uns freiwillig etwas zukommen – je nach Wertschätzung und Geldbeutel mehr oder weniger, einmal oder regelmäßig. Das geht auch jetzt schon! Wie, das erklärt ein Klick auf das Sparschwein ganz oben in der Seitenspalte. Zum Glück gibt es schon einige, die so zum Weiterbestehen von WilhelmsburgOnline.de beitragen. Dafür ganz herzlichen Dank!

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