Tödliche Messerstiche: Nelson-Mandela-Schule trauert

Trauer an NMS head

Ein schweres Gewaltverbrechen erschüttert Wilhelmsburg: Ein 17-Jähriger Schüler ist gestern an der Nelson-Mandela-Schule von einem gleichaltrigen Mitschüler erstochen worden. Er starb im Klassenzimmer. Der mutmaßliche Täter ließ sich ohne Widerstand von der Polizei abführen. Inzwischen hat der Jugendliche seine Tat gestanden, wie die Polizei auf Nachfrage von WilhelmsburgOnline.de mitteilt. Warum er zustach, ist jedoch weiter unklar. Sowohl der mutmaßliche Täter als auch das Opfer besuchten eine Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge. Während Schüler und Lehrer heute Mittag gemeinsam um den 17-Jährigen trauerten, warnen Fachleute vor übereilten Rückschlüssen auf den Stadtteil Wilhelmsburg.

Blumen und Kerzen auf dem Schulgelände der Nelson-Mandela-Schule: Nach den tödlichen Messerstichen am Dienstagmorgen versuchen Schüler und Lehrer gemeinsam, Schrecken und Trauer zu verarbeiten. Ein Team aus Seelsorgern, Psychologen und Sozialberatern ist im Einsatz, um ihnen dabei zu helfen. „Es geht nun erst einmal darum, die Situation aufzufangen, sie zu begreifen“, erläutert Schulbehörden-Sprecher Peter Albrecht. Der Schulbetrieb sei am Mittwoch bewusst nicht abgesagt worden, auch wenn an normalen Unterricht kaum zu denken sei. Schülerinnen und Schüler sollten mit ihren Erlebnissen nicht allein gelassen werden. Einige hatten mit eigenen Augen gesehen, wie ihr Mitschüler den Messerstichen des anderen zum Opfer fiel. „Das wichtigste ist, das jetzt gemeinsam aufzuarbeiten“, sagt Peter Albrecht. Um den Trauernden die nötige Ruhe dafür zu geben, ist das Schulgelände bis auf weiteres gesperrt. Nur Schüler, Lehrer, Helfer und Ermittler dürfen es betreten.

Motiv ist nach wie vor unklar

Wieso der 17-Jährige offenbar seinen Mitschüler niederstach, ist nach wie vor unklar. Anders als in ersten Medienberichten verbreitet, suchte der Täter nicht sein Opfer auf, um es unvermittelt anzugreifen. Vielmehr suchte das spätere Tatopfer das Gespräch mit dem anderen und kam dazu in der Pause in dessen Klassenzimmer in einem der Container auf dem Schulgelände an der Prassekstraße. Laut Polizeibericht sprachen die beiden Schüler miteinander, dann stach der eine den anderen mit einem Küchenmesser nieder. Die übrigen Mädchen und Jungen im Raum flüchteten in Panik, während der mutmaßliche Täter bei dem sterbenden Opfer blieb. Er ließ sich widerstandslos von der Polizei abführen. Inzwischen hat der 17-Jährige die Tat gestanden, wie die Polizeipressestelle im Gespräch mit WilhelmsburgOnline.de bestätigt. Das Motiv bleibt aber nach wie vor unklar. Der Jugendliche habe noch nichts darüber gesagt, wieso er zustach. Spekulationen über eine mögliche Beziehungstat, die einige Medien nach Gesprächen mit Schülern verbreiteten, bestätigte die Polizei vorerst nicht. Noch am heutigen Mittwoch soll der geständige Tatverdächtige vor den Haftrichter kommen, der über eine Untersuchungshaft entscheidet.

Kurz nach dem Tod des 17-jährigen Flüchtlings kamen Bürgermeister Olaf Scholz, Schulsenator Ties Rabe und Innensenator Michael Neumann zur Nelson-Mandela-Schule nach Wilhelmsburg. „Ein Schatten ist über unsere Stadt gefallen“, sagte der sichtlich erschütterte Bürgermeister vor Kameras und Mikrofonen. „Unsere Gedanken sind bei den Mitschülern, bei den Angehörigen, bei den Lehrern, die sich sehr sehr viel Mühe geben. Natürlich ist das für alle eine schwer vorstellbare Tat.“ In einer kurzen Stellungnahme auf seiner Internetseite zollte Olaf Scholz der Nelson-Mandela-Schule erneut Respekt.

Auch Christian Böhm, Leiter der Abteilung Gewaltprävention bei der Schulbehörde, betont: Die Schule kann nichts dafür, dass der tödliche Streit in einem ihrer Klassenräume passierte. „Die Nelson-Mandela-Schule ist sehr gut organisiert“, sagte er im Gespräch mit WilhelmsburgOnline.de. Auch auf seltene Notfälle sei das Team an der Prassekstraße sehr gut vorbereitet. Bei der Betreuung der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen am Mittwoch habe es keine ungewöhnlichen Vorfälle gegeben. Nachdem am Tag der Tat selbst vor allem das Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes psychologische Hilfe leistete, waren am Tag darauf sieben Fachleute der Gewaltprävention und der ReBBZ im Einsatz, um Gespräche und ein offenes Ohr anzubieten. „Man hört erst einmal zu, bevor man selbst viel erklärt“, sagt Christian Böhm. „Es geht darum, die Kinder mit ihren Fragen ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben, das Erlebte zu verarbeiten.“ Dabei seien die Psychologen und Pädagogen in der Vorbereitungsklasse für Flüchtlingskinder besonders gefragt. „In der Lerngruppe sind auch Kinder und Jugendliche, die solche Dinge schon mal erlebt haben.“ Viele minderjährige Flüchtlinge erlebten in ihren Heimatländern oder auf der Flucht Gewalt und Brutalität aus nächster Nähe. Mit diesen Traumata umzugehen, sei eine besondere Herausforderung für alle Betroffenen. In Einzelfällen könnten nur Therapeuten weiterhelfen, sagt Christian Böhm. Sein Team bemühe sich nun erst einmal darum, die Situation an der Nelson-Mandela-Schule zu beruhigen und trotz allem wieder einen Schulalltag möglich zu machen.

Eine Neugestaltung des Vorbereitungsunterrichts oder besondere Maßnahmen an Schulen allgemein plant die Schulbehörde nach Auskunft ihres Sprechers nicht. „Im Moment sieht es nicht so aus, als ob die Tat mit den Strukturen zu tun hat“, sagt Peter Albrecht auf Nachfrage von WilhelmsburgOnline.de. Die Schulbehörde gehe eher von einem persönlichen Konflikt aus. Sollte jedoch die Polizei zu anderen Schlüssen kommen, müsse neu bewertet und über Maßnahmen zur Vorbeugung nachgedacht werden.

Experte für Gewaltprävention: "Tat hat nichts mit Wilhelmsburg zu tun"

Auch Christian Böhm warnt davor, vorschnelle Rückschlüsse zu ziehen. Dass viele Medien in Hamburg und darüber hinaus nun wieder vom problematischen Stadtteil Wilhelmsburg schreiben, werde dem Fall nicht gerecht. Der mutmaßliche Täter lebte laut Medienberichten in einer Jugendeinrichtung in Harburg, das Opfer in einer Einrichtung in Bergedorf – dass sie beide in Wilhelmsburg zur Schule geschickt wurden, konnten weder sie noch die Schule beeinflussen. „Trotzdem wird jetzt Wilhelmsburg wieder breit Thema sein. Ich weiß nicht, ob das gut ist“, sagt Christian Böhm. Der Stadtteil habe sich sehr zum Positiven gewandelt, auch die Schulen in Wilhelmsburg hätten viel gute Arbeit geleistet. „Dass Wilhelmsburg sich damit auseinandersetzen muss, ist klar“, sagt der Leiter der Gewaltpräventionsstelle, der schon 2000 auf der Insel im Einsatz war. „Aber dass das hier geschehen ist, hat nichts mit Wilhelmsburg zu tun.“

Die Nelson-Mandela-Schule wendet sich mit einer Trauerbotschaft auf ihrer Internetseite an die Öffentlichkeit. „Wir sind erschrocken, bestürzt und sehr traurig“, schreibt Schulleiter Bodo Giese. Er macht auch deutlich, dass in Folge der Tat für niemanden in der Schule Gefahr bestehe. Zwar sei die Polizei nach wie vor auf dem Schulgelände präsent, das aber „ausschließlich, um neugierige Besucher von uns fernzuhalten.“ Erst in den kommenden Tagen soll entschieden werden, wie und wo der tote Schüler beerdigt werden soll. Er kam als minderjähriger Flüchtling ohne Begleitung aus dem kriegsgeschädigten Afghanistan nach Deutschland und lebte allein in Hamburg. Nach Kenntnis der Behörden hatte er hier keine Angehörigen.

von Annabel Trautwein

 

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