Das Popup-Lädenfestival ist eröffnet

Kathi und Amelie Team popup

Mit einem fulminanten Auftakt wurde am Freitagabend offiziell das Popup-Lädenfestival in Wilhelmsburg eröffnet. Über die kommenden Wochen soll es originellen Geschäftsideen im Stadtteil Raum geben. Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger sollen dabei ihre Nachbarschaft auf eine neue Weise kennenlernen – auf geführten Shoppingtouren, beim Tresensport oder beim gemeinsamen Kochen und Schlemmen.

Die Idee der Popup-Läden ist so simpel wie bestechend: leerstehende Läden im Reiherstieg-Viertel werden von ihren Besitzern kostenlos zur Verfügung gestellt und Menschen mit Lädenträumen können sich in diesen Räumen mit ihren Produkten sechs Wochen lang ausprobieren. Geschäfte poppen auf und ziehen nach dem Festival weiter oder bleiben im Stadtteil – alles ist möglich, sagt Popup-Organisatorin Kerstin Schaefer. Die Vielfalt der Läden ist enorm: Von ganz klassischen Produkten wie Kleidung, Blumen, Bücher oder Wohnaccessoires über originelle Projekte wie ein Speisepilzlabor, ein sesshaft gewordener Comicbus oder eine Bar von und für Fahrradbegeisterte bis zu komplett experimentellen Geschäften wie etwa dem Prototypen eines Übernachtungsufos ist alles dabei, was Wilhelmsburg an Businessideen hervorbringt. Der Dreh- und Angelpunkt des Festivals ist das Festivalzentrum am Stübenplatz, Veringstraße 16-18.

Ein Festival für und mit Wilhelmsburg

Noch am Vormittag der Eröffnung sieht es aus, als wäre hier noch viel zu tun. Bauarbeiter gehen ein und aus. Der Eindruck täuscht: „Wir nutzen die Räume nur teilweise für das Festival“, erklärt Kerstin Schaefer. „Danach entsteht hier ein Feinkostgeschäft mit einem Halal-Schwerpunkt, für das im hinteren Teil der Räume in der Zwischenzeit weiter gebaut wird.“ Leerstehende Flächen in Wilhelmsburg nutzen und beleben mit neuen Ideen – schon das Festivalzentrum lebt von diesem Geist, und genauso sollen die neuen Geschäfte funktionieren. Damit alles pünktlich fertig wird, koordiniert Kerstin Schaefer mit ihren Kolleginnen gut gelaunt den geschäftigten Trubel, der im Festivalzentrum stattfindet. Die Pressewand wird vorbereitet, die Bauarbeiter stellen Fragen, ein Techniker baut Fahrradteile in die Theke ein, das Handy klingelt, Kerstin Schaefer gibt neueste Informationen an ihre Kollegin – ein Radiosender will auf den letzten Drücker vorbei kommen und mit den Festivalteilnehmerinnen und -teilnehmern sprechen. „In einer Stunde! Warum nicht!“ sagt Kerstin Schaefer lachend. Die Mitbegründerin der Produktionsfirma Hirn und Wanst weiß offenbar, was sie tut.

Die Eröffnung ist der vorläufige Höhepunkt einer wochen- und monatelangen Vorbereitung. Das Popup-Team baute im Reiherstiegviertel Kontakte aus und knüpfte neue – „ein anderes Wilhelmsburg als bisher“ erlebte die zugezogene Kerstin Schaefer, als sie mit alteingesessenen Ladenbesitzern verhandelte, in der IG Reiherstieg und den politischen Gremien vorstellig wurde und klar machte, dass das Festival eine Chance für den Stadtteil sein würde. Sie erreichte, dass alle Ladenflächen des Festivals kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. „Die Ladenbesitzer waren toll“, erinnert sie sich. „Und einige sind schon richtig angefixt und wollen noch mehr mit uns auf die Beine stellen.“ Ihre Botschaft: Wilhelmsburg bewegt sich.

Das erkannte bei der gestrigen Eröffnungsfeier im Festivalzentrum auch Bezirksamtsleiter Andy Grote, der in einer Rede auf das Ladensterben und den überproportional großen Leerstand in Wilhelmsburg verwies. Er würdigte das Popup-Festival als ein großartiges Projekt, das eine nachhaltige Wirkung auf den Stadtteil haben könne. Deshalb sei die Finanzierung durch den Bezirk Hamburg Mitte naheliegend gewesen – mit 14.000 Euro wurde das Festival möglich gemacht. Nach dem offiziellen Teil ging es weiter mit dem Performer, Anthropogeographen und Unternehmensberater Dr. Armin Chodzinski, mit Drinks und Snacks sowie mit den ersten der vielen geführten Shoppingtouren.

Begleitprogramm – Veranstaltungen beim Popup

Interessierte können sich bei diesen Touren eine Stunde lang durch die Festival-Läden führen lassen, erfahren Hintergründe, Historisches, und können shoppen, was das Herz begehrt. Jeden Samstag und Sonntag um 14 Uhr geht es im Festivalzentrum auf Tour – auftauchen ohne Anmeldung genügt. Die Shoppingtouren sind nicht die einzigen Veranstaltungen im Rahmenprogramm. Wilhelmsburgs Lokalitäten werden zusätzlich auf neue Art genutzt: der Stübenplatz wird am heutigen Sonntag ab 12 Uhr zum „Schlürf und Schmatz“-Schauplatz. Die Wilhelmsburger Gastronomie-Szene trifft hier auf die inzwischen etablierten Food-Trucks, die Hamburg seit geraumer Zeit mobil kulinarisch versorgen. Nun kommen sie nach Wilhelmsburg – eine Mischung, auf die die Insel gespannt sein kann.

Noch mehr Essen gibt an drei Abenden zu jeweils einem anderen Thema in den Räumen des Pianolas. „Auf dem Präsentierteller“ heißt die Koch- und Essveranstaltung, und die Themen sind breit gefächert: am Samstag, 5. September, widmet sich der Abend den Wilhelmsburger Essensrettungen, am Samstag, 12. September, geht es um einen ernährungswissenschaftlichen Koch- und Ess-Workshop, und am Samstag, 19. September. schließt die Reihe mit einem regionalen 7-Gänge-Menü. Eine Anmeldung ist erforderlich und die Teilnahmekosten für den jeweiligen Abend sollten ebenfalls beachtet werden: zwischen 20 und 100 Euro ist die Bandbreite.

Ebenfalls an drei Abenden, dafür in unterschiedlichen Kneipen jeweils ab 21 Uhr, findet der „Tresensport“ statt. Die erste Trainingsrunde der elektronischen Tanzgymnastik spielte sich schon am vergangenen Samstag Abend in der Eckkneipe „Zum Steckenpferd“ ab, am 12. September geht es in der Gaststätte „Zum Wilhelmsburger“ weiter und am Samstag, 3. Oktober, findet das Finale im „Inseltreff“ statt. Kollekten-Einnahmen der Tresensport-Abende gehen an jeweils eine Wilhelmsburger Initiative.

Nicht nur Schlemmerei und Tanz auch Lehrreiches soll seinen Platz im Festivalzentrum haben. Die „FuckUp-Night“ am Donnerstag, 17. September. ist eine Gelegenheit, die Geschichten des Scheiterns von Geschäftsideen aus erster Hand zu erfahren – unterhaltsam aufbereitet, versprechen die Festivalmacherinnen. Definitiv keine Geschichte des Scheiterns ist „Die Wahrheit über Wilhelmsburg“ am Donnerstag, 3. September,. um 20 Uhr – eine Stadtführung mit Witz und Charme. Für fünf Euro Eintritt geben die Gästeführer Einheimischen wie Zugereisten auf unnachahmliche Art Einblick in die Geschichte des Stadtteils.

von Sarah Kraaz

 

Alles auf einen Blick:

Sämtliche Termine und Hintergründe zum Popup findet ihr auf der Internetseite des Lädenfestivals.

 

 

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2 Kommentare zu Das Popup-Lädenfestival ist eröffnet

  • Michael Ziehl  sagt:

    Ich freue mich wenn Menschen mit guten Ideen aktiv werden und eine Möglichkeit bekommen diese auszuprobieren. Auch finde ich das Konzept von Zwischennutzungen grundsätzlich gut. Das Pop-Up-Ladenfestival in Wilhelmsburg finde ich aber leider gar nicht gut.

    Es ist nicht sonderlich innovativ wenn Kneipen zum Essen und Trinken und Ladengeschäfte zum Verkauf von Waren (zwischen-)genutzt werden, auch wenn die Produkte vielleicht etwas „nachhaltiger“ produziert sein mögen als andere. Interessanter wäre es ganz andere Nutzungsformate in den Leerständen auszuprobieren, die weniger auf Konsum (auch noch stimuliert durch organisierte „Shoppingtouren“ und Veranstaltungen) setzen. Des Weiteren habe ich den Eindruck, dass sich die Angebote und das Programm eher an eine zahlungskräftige Elite richtet (Teilnahmekosten von 20,- Euro bis zu 100,- Euro pro Person an speziellen Angeboten), aber sich nicht an den vielen verschiedenen Einkommenssituationen der Menschen im Reiherstiegviertel orientiert.

    Des weiteren bezweifle ich, dass das Festival für die temporären Ladenbetreiber*innen selbst langfristig etwas bringt. Vielleicht verdienen sie ein bisschen schnelles Geld – wenn überhaupt (denn das Herrichten der Läden kostet ja auch Zeit und Geld). Aber kaum jemand wird dadurch langfristig einen Laden anmieten können. Grund für den vielen Leerstand sind, so vermute ich, zu hohe Mieterwartungen der Eigentümer*innen angesichts der Nachfrage vor Ort. Deswegen mussten ja viele Läden wieder schließen, die in den letzten Jahren eröffnet hatten. Die Ladenmieten werden durch das Festival aber nicht sinken. Leider wird der Aspekt von zu hohen Mieten noch nicht mal thematisiert soweit ich weiß.

    Ich fürchte das Festival wird eher dazu beitragen, dass sich die Preisspirale der Wohnungsmieten im Viertel weiter nach oben zuspitzt, denn durch die Öffentlichkeitsarbeit der Organisator*innen wird das „kreative Image“ des Stadtteils erhöht und lässt das Viertel für zahlungskräftigere Wohnungssuchende interessant erscheinen. Was also die IBA schon mit Imagekampagnen versucht hat, wird durch das Festivals weitergetrieben.

    Ich befürchte, dass das Festival  eher zur Verdrängung und Spaltung im Stadtteil beiträgt als zur nachhaltigen Entwicklung und zur Annäherung der Menschen, die hier leben. Daher bin ich verärgert, dass das auch noch vom Bezirksamt gefördert wird. 14.000 EUR sind ja kein Pappenstiel. Wer kassiert das Geld eigentlich, wenn sogar die Ladeneigentümer*innen auf Mieten verzichten? Und wenn schon Förderung, dann doch bitte von der Wirtschaftsförderung oder dem Stadtmarketing – das würde eher passen. Das Geld, dass das Bezirksamt für Stadtteilprojekte zur Verfügung hat, sollte besser und im Sinne des Gemeinwohls investiert werden, aber nicht um den Standortfaktor in ohnehin von Gentrifizierung bedrohten Stadtteilen mit der Förderung von kurzlebigen Projekten zu erhöhen.

  • Jörg Maltzan  sagt:

    Die Kritik von Vorschreiber Michael ist interessant zu lesen. Ich teile sie aber nicht. Im Gegenteil: Zwei Mal habe ich an den geführten Touren teilgenommen, fast alle Popup-Läden besucht und bin Stammgast im "temporären Raum für Fahrradkultur" geworden. Ich empfinde das Popup-Festival als Bereicherung für den Stadtteil, weil es einen Missstand aufzeigt und gleichzeitig Lösungsansätze präsentiert. Was will man mehr? Klar: Ich kenne den Gentrifizierungsvorwurf, Mietsteigerungbefürchtungen, Verdrängung etc. Aber klar ist auch, das Wilhelmsburg sich bewegen muss. Und diese Bewegung geht für mich in die richtige Richtung.

    Bei der Gelgenheit gleich noch ein Termintipp:  http://st-pedali.blogspot.de/2015/09/leroica-in-hamburg-bildvortrag-im.html … …

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