Feier am neuen Dursun Akçam Ufer

Dursun Akcam Ufer Marco Moreno vor Schild (1)

Geschafft! Die Schilder am Dursun Akçam Ufer stehen, am Samstag soll ein Fest steigen zu Ehren des türkischen Journalisten und Menschenrechtlers, der aus seiner Heimat fliehen musste und auf der Elbinsel für ein friedliches Zusammenleben von Deutschen und Türken eintrat. Marco Moreno, der die Widmung des Kanalufers anregte, freut sich schon.

Es soll ein kleiner Festumzug werden: Los geht es um 16 Uhr am Sanitaspark, dann wollen die Ideengeber mit Bezirksamtschef Andy Grote, vielen internationalen Gästen und begleitet von Musik das Dursun Akçam Ufer entlang spazieren. An der Wiese, wo das Ufer den Gert-Schwämmle-Weg kreuzt, wird es dann „zum Staatsakt kommen“, wie Marco Moreno augenzwinkernd sagt – eins der neuen Straßenschilder soll feierlich enthüllt werden.

Für einige wird es auch ein Familienfest sein: Perihan Akçam, die Witwe des geehrten Kulturvermittlers, reist mit ihrer Tochter Yasemin Atesman aus der Türkei an. Der Wissenschaftler Taner Akçam, ein Sohn von Dursun Akçam, kommt aus den USA, die Enkelin Helin Akçam aus dem Libanon. Zeynep Atesman, eine andere Enkelin, kommt mit ihrem Ehemann aus Österreich auf die Elbinsel, um bei der Feier im Gedenken an ihren Opa dabei zu sein. Sie alle unterstützten Marco Morenos Einsatz für die Ehrung von Dursun Akçam über das Internet – gefolgt von inzwischen mehr als 2.000 türkischen Facebook-Fans, die die Geschehnisse in Wilhelmsburg ebenfalls mitverfolgten.

Ehrung für einen türkischen politischen Flüchtling? Nicht alle sind begeistert

Auch für viele Wilhelmsburger türkischer Herkunft ist die Ehrung des beliebten Uferwegs am Veringkanal etwas besonderes. Zwar ist der Name Dursun Akçam vielen heute nicht mehr bekannt – wohl aber sein Gesicht, wie Marco Moreno feststellte, als er Plakate für das Einweihungsfest im Stadtteil verteilte. „Ach der! Toll!“, habe etwa eine Verkäuferin in der Bäckerei gerufen, als sie den Mann aus der Bücherhalle erkannte. Auch sie gehörte offenbar zu den türkischen Kindern, denen Dursun Akçam zwischen 1984 und 1995 mit gutem Rat half, in Wilhelmsburg heimisch zu werden. So begeistert seien aber nicht alle, sagt Marco Moreno. Beim Verteilen der Plakate habe er auch ablehnende Kommentare gehört – „Wir sind hier in Deutschland“ zum Beispiel. Auch unter den Wilhelmsburgern türkischer Herkunft seien nicht alle mit Dursun Akçams politischer Haltung einverstanden. Einigen war er offenbar zu links.

Dursun Akçam kam als politischer Flüchtling nach Wilhelmsburg. Als Aufklärer und oppositioneller Journalist geriet er in der Türkei der 70er Jahre auf die Schwarze Liste der damaligen Militärdiktatur. Er saß im Gefängnis, weil er sich in der Gewerkschaft für Lehrer engagierte. Seine linksliberale Zeitung „demokrat“ landete umgehend auf dem Index. Als das geschah, war Dursun Akçam in seiner Heimat nicht mehr sicher. Er floh nach Deutschland und fand nach einigen Versuchen, weiterhin von seinem Beruf zu leben, einen Job in den Bücherhallen Wilhelmsburg und Kirchdorf. Dort wurden seine Vorlesestunden für Kinder zum Publikumsmagneten – Dursun Akçam konnte nämlich nicht nur spannend erzählen, sondern hatte auch ein offenes Ohr für die Sorgen der Kinder, die in der Türkei nicht mehr und in Deutschland noch nicht zu Hause waren. Als einer der ersten machte er sich öffentlich stark für ein gutes Miteinander zwischen türkischen und deutschen Nachbarn und setzte dem damals weit verbreiteten Alltagsrassismus ein humorvolles Staunen entgegen.

Gut 20 Jahre später sollen sich Menschen in Wilhelmsburg daran erinnern, wenn sie am Kanal spazieren gehen oder den Tag genießen. Die Initiative von Marco Moreno, die unter anderem der Schauspieler Fahri Yardım, die Stadtteilkünstlerin Kathrin Milan und Güler Akpinar vom Zentrum Bildung und Integration unterstützten, fand auch in der Politik schnell Anklang: Der Stadtteilbeirat befürwortete die Benennung des Kanalufers umgehend, die Grünen sprachen sich für das Vorhaben aus, noch bevor ein Antrag die Gremien der Bezirksversammlung erreicht hatte. Auch Jörn Fromman (CDU), Kesbana Klein (SPD), Sonja Lattwesen (Grüne) und Manfred Schubert (Linke) seien sogleich überzeugt gewesen, sagt Marco Moreno. „Als der Regionalausschuss entschieden hatte, war die Freude schon sehr groß“, erzählt er. Nach dem Ja der Bezirksversammlung entschied Senatskommission, die jeden Namensgeber einer Straße oder eines Platzes noch einmal kritisch beleuchtet und prüft, ob die Ehre aus ihrer Sicht auch verdient ist. „Als die Entscheidung dann kam, war der Jubel überschwänglich“, sagt Marco Moreno. Auch in Dursun Akçams Heimat löste sich die Spannung: Verwandte, Freunde und Sympathisanten feierten die Auszeichnung im fernen Hamburg-Wilhelmsburg.

Nachbarschaftsfest im Garten

Am Samstagnachmittag sollen alle mitfeiern können. Nach der Enthüllung des Straßenschilds geht das Fest in Kathrin Milans Garten am Stadtmodell und im Interkulturellen Garten nebenan weiter. Es gibt Essen und Getränke, die das Café Gegenüber bereitstellt, und Musik von Cemalettin Zeyrek & Group Aysel Atasoy und Sedat Boyra sowie Ulrich Kodjo Wendt und Marco Moreno. Der Infoladen beteiligt sich mit einem Stand, wo sich Gäste über die aktuelle Situation in der Türkei schlau machen können. Die Freie Schule für Gestaltung bietet Kinderschminken an und die Bücherhalle ist mit einem Spieleangebot dabei. Auch die Insellichtspiele und die BI unterstützen das Fest. Dabei sein kostet nichts.

von Annabel Trautwein

 

Kurz und knapp:

Feier zur Widmung des Dursun Akçam Ufers (Ostufer des Vering-Kanals) am Samstag, 29. August 2015, ab 16 Uhr. Treffpunkt am Sanitaspark, ab 17 Uhr Feier am Interkulturellen Garten. Teilnahme kostenlos.

 

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