Jugendarbeit am Limit

HdJ Hausaufgabenhilfe

Der Druck steigt in den Häusern der Jugend auf der Elbinsel. Immer häufiger steht statt Disco, Fußball und Basteln handfeste Krisenarbeit auf dem Plan, berichteten Jugendhausleiter im Stadtteilbeirat. Profis und Freiwillige stoßen an ihre Grenzen. Gleichzeitig werden Geld und Personal immer knapper.

Neulich war wieder ein guter Tag, erzählt Arne Bens, Leiter im Haus der Jugend Kirchdorf. Ein junger Mann, um den er und seine Kollegen sich lange Sorgen gemacht hatten, kam im eigenen Auto vorgefahren, stolz und bestens gelaunt. Kein Vergleich zu der Zeit, als er gerade durchs Abitur gerasselt war. Den Pechvogel wieder auf die Füße zu bekommen, sei sehr schwer gewesen, sagt Arne Bens – zumal er und seine Mitarbeiter im Job immer wieder selbst an die Grenzen des Verkraftbaren stoßen. „Aber wir haben es geschafft.“ Auch ihm selbst gebe so ein Wiedersehen Hoffnung, sagt der Jugendhaus-Leiter. „Es gibt nur leider so wenig Momente davon.“

Auch sein Kollege Uli Gomolzig fürchtet um die Zukunft der Jugendarbeit in Wilhelmsburg. Die Aufgaben der Sozialarbeiter hätten sich stark verändert, sagt er. Uli Gomolzig leitet das Haus der Jugend Wilhelmsburg schon seit 26 Jahren. Als er anfing, war die Einrichtung mit acht Stellen ausgestattet. Die Jugendlichen kamen zum Tischtennis-Spielen, zum Basteln oder zur Disco. „Viele sind hier groß geworden und bringen jetzt ihre Kinder zu uns“, sagt er im Gespräch mit WilhelmsburgOnline.de. Er ist stolz auf seine Leute – das wird beim Rundgang durchs Haus deutlich. Doch die jüngere Generation braucht mehr als Töpferkurse und Fußballturniere, sagt Uli Gomolzig Heute stehen Hausaufgabenhilfe und Bewerbungstraining auf dem Plan, oft leisten die professionellen und freiwilligen Sozialarbeiter auch handfeste Krisenarbeit: Gewaltprävention und Anti-Aggressionstraining, Hilfe bei Familienkrisen oder Beratung für überforderte Eltern. „Wir nehmen oft Erziehungsaufgaben wahr, die die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht mehr leisten können“, sagt der Jugendhaus-Leiter. Den sozialen Frieden im Stadtteil sichern – darin sieht er heute seine Aufgabe.

Zu wenig Geld, zu wenig Sozialarbeiter

Der Druck auf die Häuser der Jugend steigt , sagt auch Michaela Mosteller vom Sozialraummanagement des Bezirks Hamburg-Mitte – aber gleichzeitig werden Geld und Personal knapp. In Uli Gomolzigs Haus gibt es heute nur noch vier volle Stellen, im Haus der Jugend Kirchdorf sind es ebenfalls vier. Damit ist nicht gesagt, dass immer vier Profis im Haus sind – schließlich sind auch mal einige krank oder im Urlaub. Von den rund 4,8 Millionen Euro, die für die gesamte Jugendarbeit in Hamburg-Mitte zur Verfügung stehen, gibt der Bezirk etwa 900.000 Euro als Gesamtbudget für Wilhelmsburg aus, schreibt das Bezirksamt auf Nachfrage von WilhelmsburgOnline.de. Die Summe habe sich mehr als drei Jahren nicht verändert. Das bestätigt auch Michaela Mosteller – doch die Kosten für Personal und Ausstattung sind derweil deutlich gestiegen. Faktisch ist also weniger Geld da als bisher. Zur Entwicklung der aus Bezirksmitteln bezahlten Stellen gibt die Pressestelle keine genaue Auskunft. Uli Gomolzig aber berichtet, dass sein Haus inzwischen 25 Ehrenamtliche angeworben hat – meist frühere Stammgäste. „Wenn wir das nicht gemacht hätten, dann hätte die Einrichtung so gar nicht mehr funktionieren können“, sagt er.

„Dass Wilhelmsburg und Veddel hoch belastete Gebiete sind, ist bekannt, sagt Michaela Mosteller. Davon zeugt auch die Sozialraumbeschreibung Wilhelmsburg, die der Bezirk veröffentlicht hat und der in vielen Punkten bestätigt, was die Jugendhausleiter schildern. Dem Bericht zufolge leben in Wilhelmsburg besonders viele Kinder und Jugendliche. Etwa jeder fünfte Inselbewohner ist unter 18. Ein erheblicher Teil von ihnen ist von Armut betroffen, stellen die Statistiker fest. In ganz Deutschland trifft es vor allem Kinder und Jugendliche, wenn nicht genug Geld für Miete, Essen oder Kleidung da ist. In Wilhelmsburg, so fügen die Hamburger Statistiker hinzu, ist das besonders extrem.

Jedes zweite Kind auf der Insel lebt von Hartz IV

Fast jedes zweite Kind unter 15 Jahren in Wilhelmsburg ist laut Sozialbericht von Hartz IV abhängig – in Kirchdorf-Süd sind es mit mehr als 63 Prozent noch wesentlich mehr. Zum Vergleich: In ganz Hamburg ist gut jedes fünfte Kind betroffen. Auch unter den erwerbsfähigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen die Chancen für Wilhelmsburger offenbar deutlich schlechter als in anderen Hamburger Stadtteilen: Etwa jeder fünfte junge Mensch von der Insel, der arbeitet oder arbeiten kann, ist – vollständig oder zusätzlich zum Lohn – von Hartz IV abhängig. Noch härter ist die Lage für junge Ausländerinnen und Ausländer auf der Insel: Hier kommt etwa jede und jeder dritte nicht ohne staatliche Hilfe über die Runden. Viele junge Wilhelmsburger und Wilhelmsburgerinnen starten schon mit schlechten Bedingungen ins Berufsleben: Laut Bericht verlässt jeder sechste die Schule ohne Abschluss.

Geldsorgen und Unsicherheiten im Alltag bekommen Kinder und Jugendliche auf vielfältige Art zu spüren – so jedenfalls schlussfolgern die Statistiker aus Interviews, die sie mit mehr als 80 gut vernetzten Menschen auf der Insel und Fachleuten führten. So gebe es etwa in vielen Familien keine regelmäßigen Tagesabläufe mehr, auch werde oft nicht gekocht oder gemeinsam gegessen. Warme Mahlzeiten bekämen manche Kinder nur in der Schule oder in Jugendhäusern oder ähnlichen Einrichtungen. Oft reicht offenbar das Geld auch für Kleidung nicht aus – im Winter sind laut Bericht viele Kinder nicht warm genug angezogen. Etliche kommen zudem selten aus ihrer Nachbarschaft heraus, weil die Fahrkarten des HVV für viele zu teuer sind. Auch erleben viele Kinder Jugendliche Gewalt als etwas Alltägliches, heißt es in der Sozialbeschreibung. Enge Wohnungen, finanzielle Not und Spannungen in der Familie entladen sich demnach in Gewalt zwischen zu Hause oder auf der Straße. Besonders oft sind Frauen und Mädchen die Opfer.

Die Zahlen aus dem Sozialbericht sind von Dezember 2012 – doch die Lage verschärft sich eher, als dass sie sich entspannt, sagt Uli Gomolzig. „Ich mach mir wirklich große Sorgen, dass wir den Angebotsstandard und die Öffnungszeiten, die wir heute haben, in Zukunft nicht einhalten können.“ Auch in den Flüchtlingsunterkünften auf der Insel leben Kinder und Jugendliche, die in den Häusern der Jugend Hilfe suchen. „Es werden mehr werden“, sagt er. „Und dann sind wir in der Verantwortung.“

Stadtteilbeirat fordert Geld und neue Stellen

Soziale Not, aber zu wenig Hilfe – das will der Beirat Wilhelmsburg so nicht hinnehmen. Mehr Personal und mehr Geld für die Häuser der Jugend sollen her. „Wer sich um die Olympischen Spiele bewirbt und die Jugend der Welt hierher holen will, der soll sich erstmal um seine eigene Jugend kümmern“, sagte Jutta Kodrzynski für die Grünen im Beirat und erntete dafür Applaus. Nun ist eine Empfehlung des Beirats an den Bezirk unterwegs: Drei zusätzliche Stellen sollen geschaffen werden, je eine für die Häuser der Jugend Wilhelmsburg und Kirchdorf und eine Stelle für das Jugendzentrum Kirchdorf-Süd am Karl-Arnold-Ring. Zudem soll der Bezirk einen Topf mit 50.000 Euro bereitstellen, aus dem alle drei Häuser besondere Aktionen und Aufgaben bezahlen können.

Der Vorschlag des Stadtentwicklungsbeirats soll nun im Bezirksausschuss Wohnen und Stadtentwicklung diskutiert und entschieden werden. Das letzte Wort hat die Bezirksversammlung Mitte. Die Geldsorgen der Häuser der Jugend auf den Elbinseln sind dort ein Posten unter vielen – das gibt auch Michaela Mosteller zu bedenken. Es sei auch nicht nur die Jugendarbeit, die mehr Geld koste als bisher, sagt sie: „Überall brennt es. Da muss die Politik Prioritäten setzen.“

von Annabel Trautwein

 

 

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4 Kommentare zu Jugendarbeit am Limit

  • Jutta Kodrzynski  sagt:

    ich finde die Entwicklung in den Häusern der Jugend seit Jahren alarmierend. Ich denke so kann und darf es nicht weitergehen. Das ist auch schon lange kein bezirkliches Thema mehr, sondern ein Thema zu dem sich der Senat verhalten muss. Auf der einen Seite soll mit viel Geld die Jugend der Welt nach Hamburg eingeladen werden (siehe Olympia Werbung), für die Jugend vor Ort wird, ausser Mittelkürzungen in den Häusern der Jiugend, nichts getan.Ich denke das Geld für Olympia ist besser in Hamburg für die Bewohnerinnen eingesetzt.  

  • Bernard Jochum  sagt:

    In Anbetracht der wachsenden Zahl von geflücheten Menschen und ihren Familien, die auf der Insel, in der Stadt und in der Region ein neues Zuhause finden wollen und müssen, ist nach meiner Auffassung ohnehin bzw. gerade im Hinblick auf die ansässigen und den geflüchteten Kindern und Jugendlichen, eine zusätzliche  Aufstockung der Mittel für eine gute und liebevolle Kinder- und Jugendarbeit unabdingbar. Niemand darf vergessen, dass unsere Nachkommen auch ein Teil unserer Zukunft sind!

  • WilhelmsburgOnline.de  sagt:

    Wir haben einen Fehler im Text korrigiert: Die drei zusätzlichen Stellen, die der Stadtteilbeirat angesichts der geschilderten Engpässe fordert, sind für die Häuser der Jugend auf der Elbinsel Wilhelmsburg und das Jugendzentrum Kirchdorf-Süd am Karl-Arnold-Ring vorgesehen. Auch das Budget von 50.000 Euro für Sonderaufgaben und Aktionen soll den Wilhelmsburger Einrichtungen zugute kommen. Für das Haus der Jugend Veddel hat der Wilhelmsburger Stadtteilbeirat keine Empfehlung abgegeben. Sonst würde er sich auch unbefugt in die Angelegenheiten des Veddeler Beirats einmischen, wie Lutz Cassel anmerkt. Wir hatten es zuerst falsch dargestellt, den Fehler aber umgehend berichtigt. Jetzt stimmt es wieder.

  • Tanja Schröder  sagt:

    Hallo, ich als Vertreter des Spielmannszugs hier auf unserer Insel könnte ebenfalls viel über das fehlende Geld für die Arbeit mit Kindern erzählen. Will ich aber nicht, denn ich habe in meiner Tätigkeit viel Zeit und auch eigenes Geld investiert um gerade Kindern aus sozialschwachen Familien dabei zu helfen das diese einem Hobby nachgehen können und das man sie gleichzeitig versorgt und sich auch bei Bedarf um Hausaufgaben kümmert. Meine ernüchternde Erfahrung …vielen Eltern ist es schlicht egal was mit Ihren Kindern passiert. Man schafft neue Angebote nimmt den Eltern den finanziellen Druck, kümmert sich um die Kindern und bekommt dafür auf gut Deutsch besonders von den Eltern selber einen tritt in den Allerwertesten. Das ist andere Seite der Medaille, leider. Unterstützt werden wir ebenfalls nicht. Musik ist nicht förderungswürdig, Fußball da schon eher. 

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