„Pegelstand“ zum Wohnungsbau: Da geht noch mehr!

Sozialer Wohnungsbau Klabunde

Wie sozial ist der soziale Wohnungsbau in Wilhelmsburg? Beim „Pegelstand“ am Donnerstagabend fand der Verein Zukunft Elbinsel einiges, was besser laufen sollte. Beispiele aus Wien zeigten: Es ist mehr drin als Drittelmix und 6.000 Neubauten im Jahr – wenn die Stadt denn wirklich will.

Jahrelang wurde das Thema Wohnungsbau in Hamburg vernachlässigt, nun zeigen sich die Folgen: Wer umziehen will, muss lange suchen und am Ende meistens deutlich mehr Miete zahlen. Dagegen will der rot-grüne Senat vorgehen, und zwar mit aller Kraft, wie es heißt. Die Zielmarken sind gesteckt: Pro Jahr sollen 6.000 neue Wohnungen entstehen, die nach dem sogenannten Drittelmix aufgeteilt werden. Das bedeutet 2.000 sozial geförderte Wohnungen, 2.000 Wohnungen für den freien Mietmarkt und ebenso viele Eigentumswohnungen. Auch in Wilhelmsburg soll es so laufen und auf Dauer dazu führen, dass auch reiche und arme Menschen Nachbarn sein können. Wohnungsnot und soziale Ausgrenzung in den Quartieren – die beiden Probleme will der Senat damit lösen.

Aus Sicht des Vereins Zukunft Elbinsel aber wird es so nicht gehen. Zum einen reiche der geplante Anteil an gefördertem Wohnraum für Wilhelmsburg bei Weitem nicht aus. „Die zur Verfügung stehenden Sozialwohnungen haben sich dramatisch und drastisch reduziert“, stellte „Pegelstand“-Moderator Hartmut Sauer schon zu Beginn der Debatte fest. Dabei hätte inzwischen mehr als die Hälfte aller Hamburger Anspruch auf eine geförderte Wohnung – wie die Stadt selbst bekanntgegeben habe. An dem Bedarf werde sich auch in Zukunft nichts ändern, warnte der Wilhelmsburger Gemeinwesenforscher Michael Rothschuh am offenen Mikrofon: Die Menschen würden in der Tendenz nicht reicher, sondern eher ärmer. Da heute schon viele Wilhelmsburger zu den finanziell Schwächeren gehören, könnte es hier also besonders eng werden. Wenn der Senat nicht mehr unternehme, um gegen zu steuern, müsse sich die Insel auf noch härteren Konkurrenzkampf um Wohnraum gefasst machen. Selbst angesichts der geplanten neuen Wohnquartiere wäre es dann für viele Wilhelmsburger kaum bezahlbar, in eine neue Wohnung zu ziehen.

"Durchmischung" auf Kosten von Migranten?

Schon jetzt fühlen sich einige abgedrängt und ausgegrenzt – das machte die studierte Stadtplanerin Zeynep Adanali deutlich, die beim „Pegelstand“ im Bürgerhaus ihre Masterarbeit vorstellte. Die Wilhelmsburgerin untersuchte dazu die Situation türkischstämmiger Migranten auf dem Wohnungsmarkt im Stadtteil und kam zu dem Schluss: Bei Vermietern blitzen türkischstämmige Wilhelmsburger oft ab, seit der Senat auf „Durchmischung“ in den Stadtteilen setzt. Was mit dem Begriff konkret gemeint ist, darauf fand die Forscherin keine klare Antwort. Doch die Vermieter, die sie fragte, bestätigten, dass die „Durchmischung“ auch bei der Vergabe von Wohnungen eine wichtige Rolle spielte. „Sie möchten den Anteil der Migranten in Wilhelmsburg gering halten“, schlussfolgerte Zeynep Adanali. Recht gaben ihr darin nicht nur die von ihr interviewten Wilhelmsburger türkischer Herkunft. Auch Experten wie Sozialberater aus dem Stadtteil teilten diesen Eindruck.

Wie sollte Hamburg auf den gegenwärtigen und zu erwartenden Druck reagieren? Einige Ideen dazu lieferte der Stadtsoziologe Jens Dangschat von der TU Wien, selbst Migrant in Österreich. „Ich soll was über Wien sagen und warum da vieles anders und besser ist“, eröffnete er seinen Vortrag. Doch als Insel der sozialen Glückseligkeit wollte der Professor die österreichische Hauptstadt lieber nicht schildern. Mit launigen Seitenhieben auf Parteienfilz, starre Verwaltungsstrukturen, missverstandene soziale Nachhaltigkeit und rechtspopulistische Kräfte machte er auch seinen Unmut über das viel gepriesene Wien deutlich. Die Zahlen, die er mitbrachte, zeigten dennoch deutlich, dass Hamburg von der inzwischen größeren Stadt im Süden viel lernen kann: „Da, was Hamburg baut, ist mindestens sozial geförderter Wohnungsbau in Wien“, sagte Jens Dangschat. Wo in Hamburg die Zielmarke von 6.000 neuen Wohnungen pro Jahr als ehrgeizig gelte, baue Wien 12.000 bis 14.000 im Jahr. Eine deutlich größere Anstrengung als in Hamburg, denn auch Wien habe den Wohnungsbau zwölf Jahre lang vernachlässigt und müsse nun aufholen.

Einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung

„Steigende Mieten haben wir in Wien auch, aber nicht so wie in Hamburg“, sagte der Stadtsoziologe. Ein Grund dafür könnte ein grundsätzlich anderer Umgang mit sozial gefördertem Wohnraum sein: Während in Hamburg die sogenannte Sozialbindung, die den Mietpreis gering hält, oft schon nach 15 Jahren verfällt und Wohnungen dann frei nach Angebot und Nachfrage vermietet werden können, gilt in Wien „einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung“. Das mache es auch leichter, Mieter mit weniger Geld sinnvoll auf das Stadtgebiet zu verteilen, sagte Jens Dangschat. Zudem übernehme die Stadt Wien selbst Verantwortung als Bauherr. Ein knappes Viertel auf dem Wiener Wohnungsmarkt ist Eigentum der Stadt. Um ausreichend nachlegen zu können, kauft die Stadt Flächen als Baugrund auf Vorrat. Das Geld dazu zieht sie aus der Wohnbausteuer – einer Abgabe, die vor allem die betrifft, die in überdurchschnittlich großen Wohnungen leben. Sie fördern damit auch Wohnraum für geringverdienende, vor allem junge Mieter: die sogenannten SMART-Wohnungen zum Beispiel, die meist unter 60 Quadratmeter liegen, maximal 7,50 Euro pro Quadratmeter kosten und sich bei Bedarf erweitern lassen.

Hamburg dagegen setzt beim Wohnungsbau vor allem auf Investoren. Heike Opitz, Leiterin der Abteilung Wohnen bei der Stadtentwicklungsbehörde, bekräftigte das im Bürgerhaus: Die Stadt sei auf die Investoren angewiesen, zudem sei es auch nicht gut, wenn der Staat alles alleine macht. Natürlich werde Hamburg auch weiterhin Sozialwohnungen bauen – „aber das ist ganz schön teuer“, sagte sie. Das ließen andere Kommentatoren beim Pegelstand nicht gelten. „Die Elbphilharmonie hat auch viel gekostet“, konterte Steffen Jörg vom stadtteilpolitischen Verein GWA St. Pauli. Entscheidend sei, wofür und für wen die Stadt Geld ausgebe. „Der beste Garant für eine dauerhafte Sozialbindung sind die Genossenschaften“, warf der promovierte Stadtplaner Andreas Pfadt ein. Die sollten in Wilhelmsburg künftig wieder eine tragende Rolle im Wohnungsbau spielen, forderten er und andere Redner am offenen Mikrofon. Der Stadtplaner kritisierte zudem, dass Mieter von Sozialwohnungen automatisch als Problemgruppe aufgefasst würden: „Wir müssen weg von diesen fürchterlichen Klischees.“

Dangschat: „Die Stadt entmachtet sich selbst“

Tut Hamburg mit 6.000 Neubauten und Drittelmix wirklich alles, was beim sozialen Wohnungsbau möglich ist? Jens Dangschat erteilte dem eine klare Absage: Die Stadt entmachte sich selbst mit dieser Einstellung. Auch hielt er die Idee einer „Durchmischung“ nach ethnischen Kriterien, die Zeynep Adanali geschildert hatte, für verfehlt. „Ein Ausländeranteil sagt überhaupt nichts darüber aus, ob da was läuft oder nicht.“ Entscheidend sei die lokale Kultur im Quartier. Nachbarschaftsverhältnisse müssten gestärkt werden, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen. Hamburg habe das mit der IBA versucht, aber letztendlich erwartet, dass Stadtplaner und Architekten zusätzlich zu ihren Aufgaben auch sozialpolitische Probleme lösen.

Für eines dieser Probleme stellte Zeynep Adanali eine Lösungsidee vor: Eine „Agentur für migrantisches Wohnen“ könnte zwischen Wohnungssuchenden, Vermietern, Verwaltung und Politik vermitteln. Zudem könnte sie das Konzept von Baugemeinschaften fördern, das unter den Befragten in ihrer Studie noch nahezu unbekannt sei. Das käme nicht nur der steigenden Knappheit auf dem Wohnungsmarkt entgegen, sondern auch der Mentalität der Zielgruppe, sagte Zeynep Adanali. Nicht umsonst besage ein türkisches Sprichwort: „Kauf' dir kein Haus, sondern gute Nachbarn.“

von Annabel Trautwein

 

 

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