Elbinsel Gipsy Festival im Bürgerhaus eröffnet

Das Cafe Royal Salonorchester eröffnete das Elbinsel Gipsy Festival im Bürgerhaus

Chiara Weiss kann es kaum erwarten. Sie steht im Scheinwerferlicht auf der Bühne im großen Saal des Bürgerhauses, vorne am Mikrofon. Passt den Takt ab, holt Luft, stimmt an: „Komm…“ Da tippt Opa Bummel Weiss ihr mit dem Geigenbogen auf die Schulter. Zu früh. Clemens Rating muss erst das Intro zu Ende bringen. Opa scherzt. Der Gitrarrist solle sich mal beeilen.

Den richtigen Moment kommen hören – das ist kein Kinderspiel für Gastsänger im Cafe Royal Salonorchester. Die Musiker traumwandeln in Improvisation, finden sich wortlos wieder, sie spielen, als würden sie sich eine Seele teilen. Chiara blickt Kako Weiss, dem Saxophonisten, in die Augen und wartet. Bald. Noch schnell einen Blick zu Bummel, sicherheitshalber, dann ist es so weit: Chiara singt „Komm zurück“. Das Lied ist ein Hit von Rudi Schuricke aus dem Jahr 1939. Erinnerungen, Familiengeschichten, Musik – darum geht es beim 5. Elbinsel Gipsy Festival, dass Chiara Weiss und das Cafe Royal Salonorchester am Freitagabend vor rund 300 Zuhörern eröffnen. Das Mädchen im hellbraunen Kleid vorn auf der Bühne bekommt Zwischenapplaus, und nach ihrem Lied noch mehr davon. Ein Kuss für Opa, ein Knicks – dann ist Chiara wieder verschwunden.

Die Musiker des Salonorchesters geben den Auftakt des Festivals. Sie spielen die Spezialität des Hauses Weiss: Sinti-Swing, ein Stil, der in ganz Europa heimisch ist und dennoch überall auffällt. Rauschhafte Musik, voller Wehmut und Traumbilder. Baro Gako Weiss am Akkordeon und Kontrabassist Gerd Bauder verleihen ihr Tiefe, im Vordergrund brillieren Clemens Rating, Kako Weiss und Bummel Weiss, der für seine wirbelnden Violinläufe Jubel erntet. In scheinbar müheloser Präzision stimmen die Musiker das Publikum im Wilhelmsburger Bürgerhaus ein auf die Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit von Sinti und Gadze.

Nachdenken über eine gemeinsame Zukunft

Für die Gadze, die Nicht-Sinti im Publikum und für die Künstler der Sinti-Familien auf der Bühne soll hier ein Anlass entstehen, über alte Vorurteile und neues Zusammenleben nachzudenken. „Das ist der Sinn – dass man sich näher kommt“, sagt Judy Engelhard vom Bürgerhaus. Zum fünften Mal richtet sie gemeinsam mit der Familie Weiss das Elbinsel Gipsy Festival aus. Nach den Konzerten des Cafe Royal Salonorchesters und Vano Bamberger & Band am Freitagabend geht es am Samstagnachmittag im Bürgerhaus weiter.

Unter dem Titel „Da gibt es andere Vergangenheiten“ sind ab 16 Uhr Fotografien von Marily Stroux und aus privaten Archiven zu sehen. Die Bilder dokumentieren die Schulzeit von Wilhelmsburger Kindern – Sinti und Gadze – in den 50er und 60er Jahren. „Die Ausstellung soll wachsen“, sagt Judy Engelhard. Wer auf den Bildern bekannte Gesichter erkennt, ist eingeladen, die Reihe mit Bildern aus eigenen Fotoalben zu erweitern. Auch über Samstag hinaus soll die Ausstellung zu sehen sein, zum Beispiel im Freizeithaus in Kirchdorf-Süd. Wer die Fotos zeigen will, solle sich melden, sagt Judy Engelhard. Interessenten können sich an den Landesverein der Sinti in Hamburg unter romanusweiss@hotmail.de oder an judyengelhard@buewi.de wenden.

Das Festival geht weiter mit Literatur: Aus Otto Rosenbergs „Das Brennglas“ liest dessen Tochter Petra Rosenberg, Romano Hanstein liest aus der Autobiografie seines Vaters Ewald, „Meine hundert Leben“. Zum Selbstlesen bieten die Veranstalter eine Reihe von Sachbüchern und Romanen zu Kauf an. Um 20 Uhr spielt die Sinti-Jazz-Band Schmitto Kling & Hot Club the Zigan. Den Ausklang des Festivals gibt die Band Gipsy Diamonds.

von Annabel Trautwein

 

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