Näher zusammenrücken

Liesel Amelingmeyer und Milena Ohnesorge (Large)

Sie schlafen in Kellerräumen, in Autos, im Zelt am Kanal. Im Morgengrauen warten sie, bis jemand sie abholt. Abends kommen sie erschöpft von der Arbeit zurück, mit Tageslohn oder ohne: So sieht das Bild aus, das vielen Wilhelmsburgern vorschwebt, wenn von „den Bulgaren“ die Rede ist. Es taucht immer wieder auf, in den Medien, im Alltag. Plötzlich sind Wörter im Umlauf, die die fremden Nachbarn auf Abstand halten sollen: „Arbeiterstrich“ oder „Armutszuwanderung“. Diese Schieflage wollten die Sozialberatungsstelle BI und das Westend wieder gerade rücken: Zur Gesprächsrunde unter dem Motto „Zusammenleben, klar kommen“ waren alle eingeladen, offen und auf Augenhöhe über die Lage bulgarischer Wanderarbeiter im Reiherstiegviertel zu reden. Spannungen gab es trotzdem.

Endlich miteinander reden und nicht nur übereinander: So sollte es laufen am Mittwochabend in der BI Rudolfstraße. Einfach wurde es nicht. Etwa 50 Wilhelmburgerinnen und Wilhelmburger waren da – davon drei aus Bulgarien. Warum nicht mehr? Die Teams von BI und Westend waren überfragt. Viel mehr hätten versprochen zu kommen, sagten sie. Einladungen gab es auf Bulgarisch und Deutsch, auch das Gespräch selbst wurde sorgfältig übersetzt. Gab es trotzdem Sprachbarrieren? Befürchteten die bulgarischen Nachbarn, dass man sie schlechtmachen könnte? Für Mark Möller war das eine naheliegende Erklärung. Nicht nur bulgarische Wilhelmburger hätten abgesagt, weil ihnen das Thema zu heiß war, meinte der Diakon. Für Moderatorin Liesel Amelingmeyer wurde das Gespräch zum Drahtseilakt: Sie sollte zwar verborgene Konflikte zur Sprache bringen, aber ohne jemandem etwas zu unterstellen oder Probleme herbeizureden. Genau das warfen ihr einige aus dem Publikum vor – auch wenn sich die Moderatorin bemühte, ihr Bild von Bulgaren einerseits und alteingesessenen Wilhelmsburgern andererseits sachlich und vorurteilsfrei zu beschreiben.

Sozialberater: "Jeder Zweite wird ausgebeutet"

Problematisch ist die Lage vieler Arbeitsmigranten aus Bulgarien und anderen Ländern ohne Zweifel – das machte Andreas Stasiewicz von Anfang an deutlich. „Wir haben es mit krimineller, moderner Arbeitssklaverei zu tun“, sagte der Leiter der Anlaufstelle für osteuropäische Wohnungslose beim Verein hoffnungsorte hamburg. Als Experte sollte er einen Überblick über die Situation bulgarischer Einwanderer geben. Jeder Zweite sei Opfer von Ausbeutung, sagte er – und es würden immer mehr. Bei den meisten liege das nicht an mangelnder Bildung oder naiven Hoffnungen. „Die Einwanderer aus Bulgarien sind oft besser ausgebildet als die einheimische Bevölkerung“, sagte Andreas Stasiewicz. „Die sozialen Probleme entstehen auch hier vor Ort.“ Eine falsche Arbeitspolitik ermögliche den Unternehmen, auf Kosten von Einwanderern Profit zu schlagen – und das nutzten einige aus. Selbst in rechtlich eindeutigen Fällen sei es schwer, auch Recht zu bekommen. „Die Berater sind total überfordert“, sagte er.

Als lebendiges Beispiel für die Ausbeutung bulgarischen Tagelöhner sollte sich dann Lyuben Kirilov äußern. Doch der Bulgare, der sich ursprünglich nur zum Deutschkurs anmelden wollte und spontan als Podiumsgast einsprang, wollte diese Rolle nicht. Er bekomme sein Geld von einer Firma aus Sofia, sagte der Elektriker. „Nicht alle, die hierher kommen, haben keinen Beruf und keine Ausbildung“, übersetzte Dolmetscherin Milena Ohnesorge. Liesel Amelingmeyer hatte gefragt, ob die meisten seiner Landsleute weniger gut qualifiziert seien – womit sie sich verärgerte Zwischenrufe aus dem Publikum einhandelte. Eine junge Frau kritisierte, die Moderatorin verstärke das Klischee, weil sie ihren bulgarischen Gesprächspartner immer nur nach problematischen Aspekten seines Alltags frage. Lyuben Kirilov war dafür ohnehin nicht zu haben. Auch die Frage „Bezahlen Sie für Ihr Gefühl zu viel Geld für ihre Unterkunft?“ verneinte er. Als die Moderatorin sich erkundigte, wie die Menschen in Wilhelmburg ihn aufgenommen hätten, fragte er zurück: „Welche Menschen meinen Sie – die Deutschen oder die Bulgaren?“ Die Zuhörer applaudierten.

Beratungsstellen überfordert

Auch Folker Bendt, der als Anwohner auftrat, hatte offenbar kein Problem mit den bulgarischen Nachbarn. Deren Wohnsituation sei zwar schlimm und traurig – er habe sogar von Menschen gehört, die auf Sofas in Treppenhäusern schlafen, erzählte der Wilhelmburger. Aber Wohnungsnot sei ja im Stadtteil für alle ein Problem, nicht nur für Bulgaren. Dass die Not für einige eingewanderte Nachbarn besonders groß ist, schilderte schließlich eine Wilhelmburgerin aus dem Publikum. Sie erzählte, dass sie versucht habe, einer obdachlosen bulgarischen Familie zu helfen, die in einem Auto lebte. Die Polizei habe den Eltern gedroht, ihnen deshalb das Kind wegnehmen zu lassen. Sie seien gemeinsam zu Beratungsstellen gegangen, aber niemand half, kritisierte die Frau: „Dass man da so unvorbereitet war, das hat mich sehr schockiert.“ Am Ende musste sich die Familie trennen – Mutter und Kind seien nach Bulgarien zurückgekehrt.

Sozialberater Andreas Stasiewicz gab ihr Recht in ihrem Ärger. Kein EU-Bürger dürfe zur Rückkehr gezwungen werden. So sei es aber für viele Familien. „Es gibt keine Möglichkeit, eine Frau mit Kindern oder eine Familie unterzubringen“, sagte er. „Das ist ganz gewollte Politik.“ Das Winternotprogramm der Stadt Hamburg reiche bei weitem nicht aus, ziehe aber trotzdem Notleidende aus anderen Städten an, weil es andernorts noch schlimmer sei. Eine Frau aus dem Publikum stimmte ihm zu: Der Senat halte das Geld für Hilfe bewusst knapp, sagte sie. Sie sei selbst Sozialarbeiterin in St. Georg und kenne das Dilemma der Berater sehr gut. „Es ist ein unglaublicher moralischer Druck, auch für die Kollegen, die hier in Wilhelmsburg arbeiten“, sagte sie.

Der Staat erschwere nicht nur die Hilfe für Einwanderer, kritisierte Andreas Stasiewicz – er begünstige auch ihre Ausbeutung. So könnten Firmen zum Beispiel selbst festlegen, wann sie „Saison“ haben, und entsprechend niedrig bezahlte „Saisonarbeiter“ einstellen. Auch dass viele Arbeitsmigranten nicht direkt angestellt werden, sei ein Problem, weil sich niemand für sie verantwortlich fühle. „Ich habe eine Baustelle gesehen, wo 20 Subunternehmer arbeiteten“, sagte der Sozialberater. Verantwortung trage aber auch jeder Mensch im Alltag, zum Beispiel beim Einkauf. „Wenn Sie in Deutschland ein Stück Fleisch im Supermarkt kaufen, hat das schon einen sozialen Beigeschmack“, sagte er. Die Fleischindustrie sei neben Logistik- und Reinigungsfirmen eine der größten Branchen, in denen Menschen ausgebeutet werden.

Niemand soll als Problemfall dastehen

Dem Staat fehlt der politische Wille, den Sozialberatern fehlen Zeit und Geld – wer kann in Armut lebenden Einwanderern aus Bulgarien oder anderen Ländern dann helfen? Am besten alle gemeinsam, entschieden die Nachbarinnen und Nachbarn am Mittwochabend in der Rudolfstraße. Wichtig sei vor allem, dass sich Wilhelmsburger ausländischer und deutscher Herkunft auf gleicher Ebene begegneten und niemand als Problemfall dargestellt werde. Um das verbreitete Bild von Einheimischen als Hausherren oder Gastgebern einmal umzukehren, könnte sich die Gruppe zum Beispiel das nächste Mal in einem bulgarischen Lokal treffen – mit bulgarischen Gastgebern und Übersetzung ins Deutsche. Auch ohne besonderes Konzept könne man sich auf Augenhöhe treffen, ergänzte eine Wilhelmsburgerin. Bei einem Fest auf dem Stübenplatz im Mai 2012, der „Fiesta de Solidaridad“, habe das bereits wunderbar funktioniert.

von Annabel Trautwein

 

2 Kommentare zu Näher zusammenrücken

  • WilhelmsburgOnline.de  sagt:

    Wir haben zwei Fehler im Text berichtigt:

    1) Das Westend ist nicht kirchlich. Es gehört zwar zum Verein hoffnungsorte hamburg, der der Kirche nahesteht. Aber der Verein selbst ist eigenständig.

    2) Andreas Stasiewicz leitet die Anlaufstelle des Vereins für Wohnungslose aus Osteuropa. Wir hatten ihn in einer anderen Funktion vorgestellt.

  • Kpt. Iglo  sagt:

    Einfach mal nachgelesen:
    http://www.stadtmission-hamburg.de/
    Wieso nur fällt mir dann folgendes ein:
    "Einer von euch wird mich verraten – Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen"
    Welch ein Glück, das sie sog. Sozialarbeiter nur zur Arbeit hier her kommen, sonst hätten sie die Veränderungen der letzten Jahre mitbekommen. Was war eigentlich mit dem Titel der Veranstalltung ? Wer suchte denn nun Kontakt? Wieder einmal wie so oft, wollen uns Externe unser Problem erklären, vielen Dank darauf können wir gerne verzichten. Verschwendet nicht eure und unsere Zeit, die Ressourcen die für die Soziale Arbeit in dieser Stadt zur Verfügung stehen sind leider sehr begrenzt -also verschwedet diese nicht so sinnlos.

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