Elbinsel Gipsy Festival: Näher zusammenrücken

Gipsy Festival head 2

Die Geige singt wieder – das Elbinsel Gipsy Festival im Bürgerhaus Wilhelmsburg hat begonnen. Zum siebten Mal lädt die Familie Weiss gemeinsam mit befreundeten Musikern zu Sinti-Jazz und Gipsy-Swing ein. Was die melancholischen Melodien und mitreißenden Rhythmen auf ihre Art andeuten, sollen Lesungen, Theaterstücke und Ausstellungen auf den Punkt bringen: Die Kulturgeschichte der Sinti und Roma in Deutschland und ihr Verhältnis zu den Gadze, den Nicht-Sinti. Das Elbinsel Gipsy Festival soll Anlass sein, sich zu nähern und ins Gespräch zu kommen, erklärt Organisatorin Judy Engelhard: „Wir wissen einfach zu wenig übereinander.“

Ein vertrauter Klang füllt den großen Saal des Bürgerhauses: Kako Weiss haucht einen samtweichen Ton durch sein Saxofon und lässt ihn anschwellen. Da tiriliert auch schon die Geige von Bummel Weiss, das Akkordeon atmet schwer und auf den Saiten von Gitarre und Kontrabass beginnt ein Rhythmus zu tanzen. Die Lieder des Café Royal Salonorchesters erzählen von Sehnsucht und Heimweh, sie wecken Neugier und alte Erinnerungen zugleich. Wie ein betagtes Liebespaar kabbeln sich Geige und Saxofon, taktvoll und dezent mischen sich die anderen ein, besänftigen und becircen und reißen die nächste Posse. Ein stiller Blickwechsel zwischen Gitarrist Clemens Rating und Gerd Bauder am Bass, und schon wirbelt ein neuer Rhythmus in die Musik. Das Akkordeon von Baro Kako Weiss ermuntert sie: Schneller! Wilder! Blind verlassen sich die Musiker aufeinander, als träumten sie denselben Traum. Sie machen ihn hörbar, jeder eine andere Facette, und teilen ihn so mit denen, die zuhören und sich davontragen lassen.

Wie jedes Jahr eröffnet das Café Royal Salonorchester der Familie Weiss das Elbinsel Gipsy Festival – nun schon zum siebten Mal in Folge. Hinzu kommen befreundete Musiker aus ganz Deutschland, die ihre eigenen Spielarten von Sinti-Jazz und Gipsy-Musik einbringen und das Festival zu einem der Höhepunkte in Wilhelmsburgs Kulturkalender erheben. Gleich nach dem Eröffnungskonzert des Café Royal Salonorchesters am Freitagabend jagt das Markus Reinhardt Ensemble fetzigen Sinti-Jazz über die Saiten – osteuropäische Gipsy-Musik nach dem Vorbild des Gitarrenvirtuosen Django Reinhardt, diesmal mit der Geige in der Hauptrolle. Am Samstagabend steht ein gefeierter Newcomer der Szene auf dem Programm: Der junge Geiger Sandro Roy kombiniert Gipsy Swing mit amerikanischem Jazz. Gemeinsam mit seinem Quartett und dem Saxofonisten Kako Weiss soll er das Festival ausklingen lassen.

Interesse an Kultur und Geschichte der Sinti wächst

„Die Musik bleibt ein wichtiges Element“, sagt Judy Engelhard. Doch das Publikum kommt nicht mehr nur deshalb zum Elbinsel Gipsy Festival ins Bürgerhaus. Im Lauf der sieben Jahre ist das Interesse an der Kultur und Geschichte der Sinti und Roma gewachsen, sagt die Koordinatorin. Noch nie gab es neben Konzerten so viel darüber zu erfahren wie beim diesjährigen Festival: Die Ausstellung „Oh Porajmos“ mit Illustrationen zur Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma ist seit Freitagnachmittag zu sehen. Am Samstag geht es weiter mit dem literarischen Erinnerungsprojekt „Racke Maprahl – Sprich darüber“, das wegen des großen Zuspruchs fortgesetzt und erneut ins Festivalprogramm aufgenommen wurde: Hier lesen und erzählen die Brüder Arnold und Harry Weiss aus Wilhelmsburg Geschichten über den Völkermord an Sinti und Roma, die die heutige Großelterngeneration an ihre Enkel weitergegeben hat. Anschließend bringt das Theater am Strom gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern aus Wilhelmsburg das Stück „Im Herzen Hamburgs“ auf die Bühne, das sich mit dem Verhältnis zwischen Sinti und Gadze in unserer Zeit befasst.

Was früher Begleitprogramm war, ist heute gleichwertiger Bestandtteil des Festivals, sagt Judy Engelhard. Immer mehr Publikum kommt ins Bürgerhaus, um sich gezielt mit Geschichte und Kultur der Sinti und Roma zu befassen. Judy Engelhard versteht den Wissensdurst gut – obwohl Sinti und Gadze seit Jahrhunderten als Nachbarn in Deutschland leben, sind sie sich oft immer noch fremd. „Wir wissen einfach zu wenig übereinander“, sagt Judy Engelhard. „Die Sinti-Geschichte spielt ja bei uns in der Schule immer noch keine Rolle.“ Das Gefühl, einander nicht trauen zu können, sei nur schwer zu überbrücken. „Das geht nicht so schnell, wenn man so lange nebeneinander her lebte“, sagt sie.

Festival bringt Sinti und Gadze zusammen

Umso mehr freut sie, dass das Festival im Bürgerhaus tatsächlich Menschen näher zusammenbringt. „Während des Gipsy-Festivals entsteht immer mehr Neues – Leute lernen sich kennen und entwickeln gemeinsam Ideen“, sagt Judy Engelhard. Christiane Richers vom Theater am Strom und Kako Weiss arbeiteten bereits gemeinsam an einem Bühnenstück, nachdem sie sich im Bürgerhaus kennenlernten. Auch das Projekt „Racke Maprahl“, das die Macher anlässlich des Gipsy Festivals ins Leben riefen, hat inzwischen laufen gelernt: Arnold und Harry Weiss touren damit über verschiedene Bühnen und erzählen die Geschichten der alten Sinti weiter. Auch eine Broschüre über Sinti und Roma auf dem Weg zur Gleichberechtigung haben der Landesverein der Sinti in Hamburg und das Bürgerhaus schon gemeinsam veröffentlicht. Sie soll dabei helfen, die Wissenslücke zu schließen, die bis heute zu vielen Vorurteilen und Spannungen zwischen Sinti und Gadze herrscht.

von Annabel Trautwein

 

Tipp:

Wer mehr über Sinti und Roma erfahren und erstklassige Musik hören will, sollte am Samstag ins Bürgerhaus kommen. Das Elbinsel Gipsy Festival läuft noch bis in den späten Abend, Karten gibt es an der Abendkasse. Das Programm für Samstag ist hier zu finden.

 

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